Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere InformationenKontaktabbruch klingt nach einem Endpunkt. Nach einer Tür, die zufällt. In dieser Folge wird daraus etwas anderes: ein Prozess, der für beide Seiten ein Anfang sein kann.
Wichtig vorweg: Diese Folge baut auf Folge 7 auf. Dort geht es um die Beziehung zu den Eltern grundsätzlich – welche Gespräche sinnvoll sind, welche nicht, und wie Liebe zwischen Eltern und Kindern eigentlich funktioniert. Wer beide hört, versteht mehr.
Es gibt nicht den einen Kontaktabbruch
Über Kontaktabbruch wird gerade viel gesprochen – Manja fehlt dabei oft die Einordnung, dass er sehr unterschiedliche Formen hat.
Manchmal distanziert sich eine Beziehung einfach langsam. Das darf ein gesunder Prozess sein: Wir werden erwachsen und brauchen unsere Eltern im besten Fall immer weniger. Manchmal ist eine Abgrenzung notwendig – gegenüber einem Elternteil oder einem bestimmten Verhalten. Und manchmal gibt es wirklich gar keinen Kontakt mehr.
Auch das entsteht selten aus dem Nichts. Häufig ist ein eskaliertes Weihnachtsfest nur der Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt, das sich über Jahre gefüllt hat.
Zwei Geschichten, die beide stimmen
Wo es zum Bruch kommt, stehen sich meist zwei Erzählungen gegenüber.
Die eine: Ich werde nicht gehört, nicht gesehen, nicht verstanden – es interessiert sich niemand für mich. Die andere: Ich habe immer alles gemacht, was ich konnte. Ich habe es so gut gemacht, wie ich es wusste.
Beide Geschichten sind richtig. Beide dürfen sein. Aber wir sprechen zu selten miteinander darüber – und genau dieses Nicht-Hören führt in die Distanz.
Die vier Ebenen von Nähe und Distanz
Der Kern dieser Folge ist ein Modell, das viel sortiert: Nähe und Distanz spielen sich auf vier Ebenen gleichzeitig ab.
Die physische Ebene. Wie oft sehen wir uns, wie oft telefonieren wir, umarmen wir uns? Darüber wird am meisten diskutiert – und am schnellsten geurteilt, wie es sein müsste.
Die mentale Ebene. Was denke ich über mein Kind, über meine Eltern? Können wir uns geistig austauschen, gut diskutieren? Man kann sich mental sehr nah sein, ohne sich oft zu sehen. Und man kann sich ständig sehen und sich geistig völlig fremd bleiben.
Die emotionale Ebene. Welches Gefühl ist da, wenn ich auf meine Eltern oder mein Kind treffe? Unsicherheit, Angst, Wut, Trauer? Diese Ebene ist meist der entscheidende Kern – und wird am seltensten angesprochen.
Die energetische Ebene. Zwischen Menschen gibt es ein Energiefeld, und Familien haben ein gemeinsames. Ungelöste Konflikte, stille Loyalitätskonflikte, unausgesprochene Vorwürfe verdichten sich hier. Auch die Frage, wer gerade groß und wer klein ist, gehört hierher.
Über Kontaktabbruch zu diskutieren, ohne zu klären, welche Ebene eigentlich betroffen ist, führt selten weiter.
Ein Satz, vier Ebenen: „Du hättest doch mal anrufen können“
Manja zeigt das an einem Beispiel, das viele kennen.
Auf der physischen Ebene steht dahinter eine offene Frage: Wie oft wollen wir eigentlich telefonieren? Wer ruft wen wann an? Darüber gibt es keine Einigung – obwohl man sich einigen könnte.
Auf der mentalen Ebene passiert das, was ich denke, aber nicht sage: „Ah ja, jetzt der Satz wieder.“ Oder ich antworte patzig: „Das Telefon geht in beide Richtungen.“ Aus einem Gespräch wird gegenseitige Schuldzuweisung.
Auf der emotionalen Ebene könnte hinter dem Vorwurf Trauer stecken – ich vermisse dich, ich mache mir Sorgen. Und auf der anderen Seite eine Überforderung mit dem Alltag: Man nimmt sich Zeit anzurufen und bekommt sofort diesen Satz. Es entstehen Scham und Schuld, und dagegen anzugehen ist mit Wut leichter.
Auf der energetischen Ebene stellt sich die Frage: Wer ist hier gerade erwachsen und wer das Kind? Woher kommt das Bedürfnis, dass das Kind anrufen muss?
Erwartungen, über die niemand spricht
Die eigentliche Arbeit liegt oft weiter vorn: bei den unausgesprochenen Erwartungen.
Muss ich anrufen? Wer sagt das – und wer sagt, wie oft? Oft erzählen wir uns selbst eine Geschichte über die Erwartungshaltung unserer Eltern, die durch einzelne Sätze bestätigt wird. Gleichzeitig wissen viele Eltern selbst nicht genau, was ihre Erwartung eigentlich ist. Selbst tägliche Anrufe würden vermutlich irgendwo ein Gefühl von „nicht genug“ hinterlassen.
Und dahinter steht eine gesellschaftliche Annahme, von der wir wegkommen dürfen: dass eine Eltern-Kind-Beziehung automatisch gut funktionieren müsste, nur weil es Eltern und Kinder sind. Auch hier gibt es Grenzen zu klären, Erwartungen zu benennen, Umgang zu verhandeln.
Die gesunde Grenze für Eltern
Manjas Botschaft an erwachsene Eltern ist deutlich: Im besten Fall bist du einfach glücklich, wenn deine Kinder glücklich sind. Wie viel sie davon mit dir teilen, sollte keinen Einfluss auf deine Zufriedenheit haben.
Ein Bedürfnis zu äußern ist immer erlaubt – „ich vermisse euch“, „ich würde euch gern sehen“. Die gute Grenze lautet aber: Ich brauche dich nicht, um selbst glücklich zu sein. Was ich brauche, ist zu wissen, dass es dir gut geht.
Für Eltern ist das ein echter Prozess. Vom Anfang, in dem das Kind ohne sie nicht überlebt, über die Jugend bis zu dem Punkt, an dem es sie schlicht nichts mehr angeht, wohin ihr Kind fliegt. Oder wie Sally es formuliert: Ruf an, wenn du abgestürzt bist, dann komme ich dich einsammeln.
Denn wenn Eltern ihre Kinder brauchen, um glücklich zu sein, ist das eine Last, die Kinder nicht tragen sollten.
Wann Distanz gerechtfertigt ist
Bei körperlicher, mentaler oder emotionaler Gewalt ist es völlig in Ordnung, sich zu schützen und zu distanzieren. Das gilt in beide Richtungen.
Die eigentliche Frage danach lautet: Kannst du diese Distanz für dich nutzen?
Distanz als Chance – auf allen vier Ebenen
Wer die Distanz nutzen will, kann auf jeder Ebene hinschauen.
Physisch: Was macht es mit meinem Körper, dass wir keinen Kontakt haben? Fühle ich Erleichterung – oder werde ich krank? Der Körper reagiert in jedem Fall, und dieses Signal ist aufschlussreich.
Mental: Gehe ich in Vorwurf und Schuldzuweisung? Oder beginne ich mich dafür zu interessieren, welche Umstände meine Eltern hatten? Der Unterschied zwischen bewerten und sich interessieren ist für die Heilung entscheidend. Auf der Elternseite: Was könnte mein Kind wahrgenommen haben, das ich nicht auf dem Schirm hatte?
Emotional: In den meisten Fällen liegt darunter Trauer – auf beiden Seiten. Beim Kind: Ich hätte dich gebraucht, aber anders, als du da sein konntest. Bei den Eltern: die Sorge, das Kind zu verlieren. Und die Chance, die eigenen Gefühle so weit zu sortieren, dass man sie später benennen kann. „Ich war überfordert. Das rechtfertigt nicht, wie ich dich behandelt habe, aber das war bei mir los.“
Energetisch: Diese Ebene braucht oft Unterstützung und methodische Werkzeuge – Familienaufstellung zum Beispiel. Denn manchmal sind wir mit etwas verknüpft, das mit der realen Beziehung zwischen diesen beiden Menschen nichts mehr zu tun hat.
Wenn beide Seiten die Distanz nutzen, kann daraus etwas ganz Neues entstehen. Bleibt eine Seite in Verhärtung, Schuldzuweisung oder Druck – oder kommuniziert nur noch über Geschwister und Großeltern –, bleiben beide im Drama verbunden statt in der Heilung.
Vier Mantras für die Zeit der Distanz
Für Kinder, die den Kontakt abgebrochen haben, formuliert Manja auf jeder Ebene einen Satz zum Mitnehmen:
Physisch: Ich brauche die Distanz, um für mich herauszufinden, was mir guttut. Nicht: Ich brauche Distanz, weil du das Problem bist.
Mental: Ich interessiere mich für meine Geschichte, meine Gedanken, meine Urteile – und versuche mich auch für die Perspektive meiner Eltern zu interessieren.
Emotional: Ich hätte etwas anderes gebraucht. Und ich darf mich jetzt selbst trösten.
Energetisch: Ich bin dankbar für mein Leben. Ohne die beiden gäbe es mich nicht.
Warum Nicht-Loslassen dein eigenes Leben kostet
Ein harter, aber zentraler Gedanke: Der Heilungsprozess mit deinen Eltern entscheidet darüber mit, wie glücklich dein Leben wird.
Wenn du emotional an Wut festhältst, gedanklich im Urteil stecken bleibst oder energetisch das Gefühl hast, größer und besser zu sein – dann kann es sein, dass dein Leben nicht so glücklich wird, wie es sein könnte.
Manja weiß, wie schwer das ist, besonders wenn Eltern psychisch krank waren, suchterkrankt oder gewaltvoll. Dass es problematische Felder gab, steht dabei nicht zur Debatte. Aber die Gedanken darüber helfen dir nicht, in Frieden zu kommen, dich zu trösten oder dein Leben zu genießen.
Und noch etwas: Im Urteil zu bleiben heißt, die Verantwortung weiter bei den Eltern abzugeben – ihr hättet besser sein müssen, ihr seid immer noch zuständig. Damit bleibt eine Erwartung im Raum: dass eines Tages jemand mit einem großen Sack an der Tür klopft, gefüllt mit allem, was in der Kindheit gefehlt hat. Diesen Sack wird es nicht geben.
Deshalb der vielleicht klarste Satz der Folge: Wenn du die physische Distanz aufgebaut hast, aber genau dieselben Gedanken über deine Eltern hast wie vorher – dann kannst du sie auch treffen.
Der Punkt, an dem die Verantwortung kippt
Manja grenzt dabei sehr klar ab: In einer Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem ist ausschließlich der Erwachsene verantwortlich. Für seine Emotionen, für sein Verhalten, dafür, das Kind nicht leiden zu lassen. Ob Eltern, Erzieher oder andere Bezugspersonen.
In der erwachsenen Eltern-Kind-Beziehung kippt das: Jetzt bist du dafür verantwortlich, dass du nicht mehr leidest. Ohne dass du je verantwortlich warst für das Leid, das dir zugefügt wurde.
Genau darin liegt für Manja der Unterschied zwischen erwachsen werden und erwachsen sein.
Wenn Eltern den Kontakt abbrechen
Auch die andere Richtung gibt es – und sie ist für Eltern oft der größte Herzschmerz: an einen Punkt zu kommen, an dem man dem eigenen Kind nicht mehr helfen kann.
Manjas Rat: Solange eine Bindung da ist und eine Möglichkeit zu sprechen, nutze sie. Immer wieder. Biete an: Ich bin da, ich will dich unterstützen.
Aber irgendwann muss man akzeptieren, dass Erwachsene Erwachsene sind. Und dann kann die Distanz, die du als Elternteil aufbaust, sogar das größte Geschenk für dein Kind sein – weil es lernen darf, allein zurechtzukommen. Mit Hilfe von jemand anderem.
Auch dann gilt: Nutze die Zeit. Frag dich, an welcher Stelle du beigetragen haben könntest. Wo es in deinem Familiensystem ungeklärte Konflikte gibt. Denn Kinder sind oft die Symptomträger eines ganzen Familienfelds – wie ein Seismograf dafür, dass irgendwo etwas ungelöst ist. Wer an sich selbst arbeitet, entlastet damit automatisch sein Kind.
Verantwortung ist nicht Schuld
Der Schlüsselbegriff dieser Folge heißt Verantwortungsübernahme – und der Unterschied zu Schuld und Rechtfertigung ist entscheidend.
Verantwortungsübernahme heißt: Ich erkenne an, dass mein Verhalten dazu beigetragen hat, dass es dir nicht gut geht. Ohne dass ich es rückgängig machen kann. Und ohne in Schuld oder Opfermentalität zu versinken – „aber ich hab’s doch gut gemeint“.
Manja wird hier deutlich: Keine Eltern machen alles richtig. Das Narrativ, alles richtig gemacht zu haben, nennt sie die größte Lebenslüge überhaupt. Es ist völlig in Ordnung, Fehler gemacht und Dinge nicht gewusst zu haben. Nicht in Ordnung ist es, hinterher zu behaupten, alles sei richtig gewesen und das Kind solle jetzt dankbar sein.
Und wenn Kinder pauschalisieren – „ich habe nur gelitten“ – und Eltern pauschalisieren – „ich habe alles richtig gemacht“ –, dann kann es keine Annäherung geben.
Was in einer begleiteten Begegnung passiert
Manja beschreibt, wie so ein erstes Wiedersehen im Coaching aussehen kann, etwa zwischen Vater und Tochter.
Sie fragt beide nach ihrer Geschichte – aber sie erzählen sie nicht einander, sondern ihr. Das gibt dem anderen die Chance, wirklich zuzuhören, ohne sich sofort verteidigen zu müssen. Im direkten Gespräch ist man schnell überflutet und kann gar nicht mehr aufnehmen, was gesagt wird.
Und es passiert noch etwas: Kinder hören selten, wie ihre Eltern ihre eigene Geschichte erzählen. Und noch seltener, wie jemand Drittes empathisch darauf reagiert – „das muss schwer für Sie gewesen sein“. Genau das kann sehr viel bewegen.
Ein Hinweis noch für Eltern in solchen Gesprächen: Viele ergeben sich irgendwann. „Wir machen das so, wie du willst, Hauptsache Kontakt.“ Manja hält dagegen. Sag, was du brauchst. Es geht um einen Kompromiss – sonst ist es keine Annäherung, sondern Kontrolle.
Die Bitte an Kinder: Sagt, woran sie arbeiten sollen
Wenn Manja eine Bitte an Kinder hat, die den Kontakt abbrechen, dann diese: Gebt euren Eltern einen Hinweis, woran sie arbeiten sollen.
Denn der stille Kontaktabbruch ist für beide Seiten am schwersten. Manja begleitet Mütter, bei denen das Kind einfach verschwunden ist – und bei denen sie kaum herausfinden kann, was das Kind eigentlich bräuchte. Manchmal besteht ihre Arbeit dann darin, die Frage zu begleiten: Kannst du damit zurechtkommen, dass dein Kind vielleicht nie wieder Kontakt haben wird – und du nie erfahren wirst, warum?
Dabei muss es gar nicht ausformuliert sein. Es würde schon reichen zu sagen: Ich brauche gerade Distanz. Ich brauche das für meinen Prozess. Und ich weiß noch nicht, ob ich mich dir wieder annähern kann.
Manja respektiert ausdrücklich, wenn das nicht möglich ist. Aber wer sich noch eine Annäherung wünscht, macht sie sich damit leichter.
Die Bitte an Eltern: Hört zu
Und wenn Kinder sagen, was ist: Hört zu.
Sagt nicht „das war nicht so“ oder „das war anders“. Rechtfertigt euch nicht. Verteidigt euch nicht. Kehrt die Schuld nicht um mit „du warst aber auch ein schwieriges Kind“.
Sagt stattdessen: Ich verstehe. Das ist deine Perspektive. Danke, dass du sie mit mir teilst. Ihr dürft auch sagen, dass ihr das erst verarbeiten müsst. Holt euch Hilfe. Und übernehmt Verantwortung für das, was euer Kind euch mitgeteilt hat – so weit ihr es könnt.
Das Schlusswort
Diese Beziehung lässt sich nie dauerhaft trennen. Energetisch werdet ihr immer Eltern und Kinder sein.
Für alles andere gibt es Wege. Wenn beide etwas tun wollen, kann Beziehung funktionieren. Und wenn einer nicht bereit ist, nicht kann oder nicht will, dann darf sie auch scheitern. Auch damit findet man einen Weg zurechtzukommen.
Denn manchmal haben Menschen einfach gute Gründe, warum sie keinen Kontakt mehr wollen. Dann sorg für dich.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere InformationenKontaktabbruch klingt nach einem Endpunkt. Nach einer Tür, die zufällt. In dieser Folge wird daraus etwas anderes: ein Prozess, der für beide Seiten ein Anfang sein kann.
Wichtig vorweg: Diese Folge baut auf Folge 7 auf. Dort geht es um die Beziehung zu den Eltern grundsätzlich – welche Gespräche sinnvoll sind, welche nicht, und wie Liebe zwischen Eltern und Kindern eigentlich funktioniert. Wer beide hört, versteht mehr.
Es gibt nicht den einen Kontaktabbruch
Über Kontaktabbruch wird gerade viel gesprochen – Manja fehlt dabei oft die Einordnung, dass er sehr unterschiedliche Formen hat.
Manchmal distanziert sich eine Beziehung einfach langsam. Das darf ein gesunder Prozess sein: Wir werden erwachsen und brauchen unsere Eltern im besten Fall immer weniger. Manchmal ist eine Abgrenzung notwendig – gegenüber einem Elternteil oder einem bestimmten Verhalten. Und manchmal gibt es wirklich gar keinen Kontakt mehr.
Auch das entsteht selten aus dem Nichts. Häufig ist ein eskaliertes Weihnachtsfest nur der Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt, das sich über Jahre gefüllt hat.
Zwei Geschichten, die beide stimmen
Wo es zum Bruch kommt, stehen sich meist zwei Erzählungen gegenüber.
Die eine: Ich werde nicht gehört, nicht gesehen, nicht verstanden – es interessiert sich niemand für mich. Die andere: Ich habe immer alles gemacht, was ich konnte. Ich habe es so gut gemacht, wie ich es wusste.
Beide Geschichten sind richtig. Beide dürfen sein. Aber wir sprechen zu selten miteinander darüber – und genau dieses Nicht-Hören führt in die Distanz.
Die vier Ebenen von Nähe und Distanz
Der Kern dieser Folge ist ein Modell, das viel sortiert: Nähe und Distanz spielen sich auf vier Ebenen gleichzeitig ab.
Die physische Ebene. Wie oft sehen wir uns, wie oft telefonieren wir, umarmen wir uns? Darüber wird am meisten diskutiert – und am schnellsten geurteilt, wie es sein müsste.
Die mentale Ebene. Was denke ich über mein Kind, über meine Eltern? Können wir uns geistig austauschen, gut diskutieren? Man kann sich mental sehr nah sein, ohne sich oft zu sehen. Und man kann sich ständig sehen und sich geistig völlig fremd bleiben.
Die emotionale Ebene. Welches Gefühl ist da, wenn ich auf meine Eltern oder mein Kind treffe? Unsicherheit, Angst, Wut, Trauer? Diese Ebene ist meist der entscheidende Kern – und wird am seltensten angesprochen.
Die energetische Ebene. Zwischen Menschen gibt es ein Energiefeld, und Familien haben ein gemeinsames. Ungelöste Konflikte, stille Loyalitätskonflikte, unausgesprochene Vorwürfe verdichten sich hier. Auch die Frage, wer gerade groß und wer klein ist, gehört hierher.
Über Kontaktabbruch zu diskutieren, ohne zu klären, welche Ebene eigentlich betroffen ist, führt selten weiter.
Ein Satz, vier Ebenen: „Du hättest doch mal anrufen können“
Manja zeigt das an einem Beispiel, das viele kennen.
Auf der physischen Ebene steht dahinter eine offene Frage: Wie oft wollen wir eigentlich telefonieren? Wer ruft wen wann an? Darüber gibt es keine Einigung – obwohl man sich einigen könnte.
Auf der mentalen Ebene passiert das, was ich denke, aber nicht sage: „Ah ja, jetzt der Satz wieder.“ Oder ich antworte patzig: „Das Telefon geht in beide Richtungen.“ Aus einem Gespräch wird gegenseitige Schuldzuweisung.
Auf der emotionalen Ebene könnte hinter dem Vorwurf Trauer stecken – ich vermisse dich, ich mache mir Sorgen. Und auf der anderen Seite eine Überforderung mit dem Alltag: Man nimmt sich Zeit anzurufen und bekommt sofort diesen Satz. Es entstehen Scham und Schuld, und dagegen anzugehen ist mit Wut leichter.
Auf der energetischen Ebene stellt sich die Frage: Wer ist hier gerade erwachsen und wer das Kind? Woher kommt das Bedürfnis, dass das Kind anrufen muss?
Erwartungen, über die niemand spricht
Die eigentliche Arbeit liegt oft weiter vorn: bei den unausgesprochenen Erwartungen.
Muss ich anrufen? Wer sagt das – und wer sagt, wie oft? Oft erzählen wir uns selbst eine Geschichte über die Erwartungshaltung unserer Eltern, die durch einzelne Sätze bestätigt wird. Gleichzeitig wissen viele Eltern selbst nicht genau, was ihre Erwartung eigentlich ist. Selbst tägliche Anrufe würden vermutlich irgendwo ein Gefühl von „nicht genug“ hinterlassen.
Und dahinter steht eine gesellschaftliche Annahme, von der wir wegkommen dürfen: dass eine Eltern-Kind-Beziehung automatisch gut funktionieren müsste, nur weil es Eltern und Kinder sind. Auch hier gibt es Grenzen zu klären, Erwartungen zu benennen, Umgang zu verhandeln.
Die gesunde Grenze für Eltern
Manjas Botschaft an erwachsene Eltern ist deutlich: Im besten Fall bist du einfach glücklich, wenn deine Kinder glücklich sind. Wie viel sie davon mit dir teilen, sollte keinen Einfluss auf deine Zufriedenheit haben.
Ein Bedürfnis zu äußern ist immer erlaubt – „ich vermisse euch“, „ich würde euch gern sehen“. Die gute Grenze lautet aber: Ich brauche dich nicht, um selbst glücklich zu sein. Was ich brauche, ist zu wissen, dass es dir gut geht.
Für Eltern ist das ein echter Prozess. Vom Anfang, in dem das Kind ohne sie nicht überlebt, über die Jugend bis zu dem Punkt, an dem es sie schlicht nichts mehr angeht, wohin ihr Kind fliegt. Oder wie Sally es formuliert: Ruf an, wenn du abgestürzt bist, dann komme ich dich einsammeln.
Denn wenn Eltern ihre Kinder brauchen, um glücklich zu sein, ist das eine Last, die Kinder nicht tragen sollten.
Wann Distanz gerechtfertigt ist
Bei körperlicher, mentaler oder emotionaler Gewalt ist es völlig in Ordnung, sich zu schützen und zu distanzieren. Das gilt in beide Richtungen.
Die eigentliche Frage danach lautet: Kannst du diese Distanz für dich nutzen?
Distanz als Chance – auf allen vier Ebenen
Wer die Distanz nutzen will, kann auf jeder Ebene hinschauen.
Physisch: Was macht es mit meinem Körper, dass wir keinen Kontakt haben? Fühle ich Erleichterung – oder werde ich krank? Der Körper reagiert in jedem Fall, und dieses Signal ist aufschlussreich.
Mental: Gehe ich in Vorwurf und Schuldzuweisung? Oder beginne ich mich dafür zu interessieren, welche Umstände meine Eltern hatten? Der Unterschied zwischen bewerten und sich interessieren ist für die Heilung entscheidend. Auf der Elternseite: Was könnte mein Kind wahrgenommen haben, das ich nicht auf dem Schirm hatte?
Emotional: In den meisten Fällen liegt darunter Trauer – auf beiden Seiten. Beim Kind: Ich hätte dich gebraucht, aber anders, als du da sein konntest. Bei den Eltern: die Sorge, das Kind zu verlieren. Und die Chance, die eigenen Gefühle so weit zu sortieren, dass man sie später benennen kann. „Ich war überfordert. Das rechtfertigt nicht, wie ich dich behandelt habe, aber das war bei mir los.“
Energetisch: Diese Ebene braucht oft Unterstützung und methodische Werkzeuge – Familienaufstellung zum Beispiel. Denn manchmal sind wir mit etwas verknüpft, das mit der realen Beziehung zwischen diesen beiden Menschen nichts mehr zu tun hat.
Wenn beide Seiten die Distanz nutzen, kann daraus etwas ganz Neues entstehen. Bleibt eine Seite in Verhärtung, Schuldzuweisung oder Druck – oder kommuniziert nur noch über Geschwister und Großeltern –, bleiben beide im Drama verbunden statt in der Heilung.
Vier Mantras für die Zeit der Distanz
Für Kinder, die den Kontakt abgebrochen haben, formuliert Manja auf jeder Ebene einen Satz zum Mitnehmen:
Physisch: Ich brauche die Distanz, um für mich herauszufinden, was mir guttut. Nicht: Ich brauche Distanz, weil du das Problem bist.
Mental: Ich interessiere mich für meine Geschichte, meine Gedanken, meine Urteile – und versuche mich auch für die Perspektive meiner Eltern zu interessieren.
Emotional: Ich hätte etwas anderes gebraucht. Und ich darf mich jetzt selbst trösten.
Energetisch: Ich bin dankbar für mein Leben. Ohne die beiden gäbe es mich nicht.
Warum Nicht-Loslassen dein eigenes Leben kostet
Ein harter, aber zentraler Gedanke: Der Heilungsprozess mit deinen Eltern entscheidet darüber mit, wie glücklich dein Leben wird.
Wenn du emotional an Wut festhältst, gedanklich im Urteil stecken bleibst oder energetisch das Gefühl hast, größer und besser zu sein – dann kann es sein, dass dein Leben nicht so glücklich wird, wie es sein könnte.
Manja weiß, wie schwer das ist, besonders wenn Eltern psychisch krank waren, suchterkrankt oder gewaltvoll. Dass es problematische Felder gab, steht dabei nicht zur Debatte. Aber die Gedanken darüber helfen dir nicht, in Frieden zu kommen, dich zu trösten oder dein Leben zu genießen.
Und noch etwas: Im Urteil zu bleiben heißt, die Verantwortung weiter bei den Eltern abzugeben – ihr hättet besser sein müssen, ihr seid immer noch zuständig. Damit bleibt eine Erwartung im Raum: dass eines Tages jemand mit einem großen Sack an der Tür klopft, gefüllt mit allem, was in der Kindheit gefehlt hat. Diesen Sack wird es nicht geben.
Deshalb der vielleicht klarste Satz der Folge: Wenn du die physische Distanz aufgebaut hast, aber genau dieselben Gedanken über deine Eltern hast wie vorher – dann kannst du sie auch treffen.
Der Punkt, an dem die Verantwortung kippt
Manja grenzt dabei sehr klar ab: In einer Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem ist ausschließlich der Erwachsene verantwortlich. Für seine Emotionen, für sein Verhalten, dafür, das Kind nicht leiden zu lassen. Ob Eltern, Erzieher oder andere Bezugspersonen.
In der erwachsenen Eltern-Kind-Beziehung kippt das: Jetzt bist du dafür verantwortlich, dass du nicht mehr leidest. Ohne dass du je verantwortlich warst für das Leid, das dir zugefügt wurde.
Genau darin liegt für Manja der Unterschied zwischen erwachsen werden und erwachsen sein.
Wenn Eltern den Kontakt abbrechen
Auch die andere Richtung gibt es – und sie ist für Eltern oft der größte Herzschmerz: an einen Punkt zu kommen, an dem man dem eigenen Kind nicht mehr helfen kann.
Manjas Rat: Solange eine Bindung da ist und eine Möglichkeit zu sprechen, nutze sie. Immer wieder. Biete an: Ich bin da, ich will dich unterstützen.
Aber irgendwann muss man akzeptieren, dass Erwachsene Erwachsene sind. Und dann kann die Distanz, die du als Elternteil aufbaust, sogar das größte Geschenk für dein Kind sein – weil es lernen darf, allein zurechtzukommen. Mit Hilfe von jemand anderem.
Auch dann gilt: Nutze die Zeit. Frag dich, an welcher Stelle du beigetragen haben könntest. Wo es in deinem Familiensystem ungeklärte Konflikte gibt. Denn Kinder sind oft die Symptomträger eines ganzen Familienfelds – wie ein Seismograf dafür, dass irgendwo etwas ungelöst ist. Wer an sich selbst arbeitet, entlastet damit automatisch sein Kind.
Verantwortung ist nicht Schuld
Der Schlüsselbegriff dieser Folge heißt Verantwortungsübernahme – und der Unterschied zu Schuld und Rechtfertigung ist entscheidend.
Verantwortungsübernahme heißt: Ich erkenne an, dass mein Verhalten dazu beigetragen hat, dass es dir nicht gut geht. Ohne dass ich es rückgängig machen kann. Und ohne in Schuld oder Opfermentalität zu versinken – „aber ich hab’s doch gut gemeint“.
Manja wird hier deutlich: Keine Eltern machen alles richtig. Das Narrativ, alles richtig gemacht zu haben, nennt sie die größte Lebenslüge überhaupt. Es ist völlig in Ordnung, Fehler gemacht und Dinge nicht gewusst zu haben. Nicht in Ordnung ist es, hinterher zu behaupten, alles sei richtig gewesen und das Kind solle jetzt dankbar sein.
Und wenn Kinder pauschalisieren – „ich habe nur gelitten“ – und Eltern pauschalisieren – „ich habe alles richtig gemacht“ –, dann kann es keine Annäherung geben.
Was in einer begleiteten Begegnung passiert
Manja beschreibt, wie so ein erstes Wiedersehen im Coaching aussehen kann, etwa zwischen Vater und Tochter.
Sie fragt beide nach ihrer Geschichte – aber sie erzählen sie nicht einander, sondern ihr. Das gibt dem anderen die Chance, wirklich zuzuhören, ohne sich sofort verteidigen zu müssen. Im direkten Gespräch ist man schnell überflutet und kann gar nicht mehr aufnehmen, was gesagt wird.
Und es passiert noch etwas: Kinder hören selten, wie ihre Eltern ihre eigene Geschichte erzählen. Und noch seltener, wie jemand Drittes empathisch darauf reagiert – „das muss schwer für Sie gewesen sein“. Genau das kann sehr viel bewegen.
Ein Hinweis noch für Eltern in solchen Gesprächen: Viele ergeben sich irgendwann. „Wir machen das so, wie du willst, Hauptsache Kontakt.“ Manja hält dagegen. Sag, was du brauchst. Es geht um einen Kompromiss – sonst ist es keine Annäherung, sondern Kontrolle.
Die Bitte an Kinder: Sagt, woran sie arbeiten sollen
Wenn Manja eine Bitte an Kinder hat, die den Kontakt abbrechen, dann diese: Gebt euren Eltern einen Hinweis, woran sie arbeiten sollen.
Denn der stille Kontaktabbruch ist für beide Seiten am schwersten. Manja begleitet Mütter, bei denen das Kind einfach verschwunden ist – und bei denen sie kaum herausfinden kann, was das Kind eigentlich bräuchte. Manchmal besteht ihre Arbeit dann darin, die Frage zu begleiten: Kannst du damit zurechtkommen, dass dein Kind vielleicht nie wieder Kontakt haben wird – und du nie erfahren wirst, warum?
Dabei muss es gar nicht ausformuliert sein. Es würde schon reichen zu sagen: Ich brauche gerade Distanz. Ich brauche das für meinen Prozess. Und ich weiß noch nicht, ob ich mich dir wieder annähern kann.
Manja respektiert ausdrücklich, wenn das nicht möglich ist. Aber wer sich noch eine Annäherung wünscht, macht sie sich damit leichter.
Die Bitte an Eltern: Hört zu
Und wenn Kinder sagen, was ist: Hört zu.
Sagt nicht „das war nicht so“ oder „das war anders“. Rechtfertigt euch nicht. Verteidigt euch nicht. Kehrt die Schuld nicht um mit „du warst aber auch ein schwieriges Kind“.
Sagt stattdessen: Ich verstehe. Das ist deine Perspektive. Danke, dass du sie mit mir teilst. Ihr dürft auch sagen, dass ihr das erst verarbeiten müsst. Holt euch Hilfe. Und übernehmt Verantwortung für das, was euer Kind euch mitgeteilt hat – so weit ihr es könnt.
Das Schlusswort
Diese Beziehung lässt sich nie dauerhaft trennen. Energetisch werdet ihr immer Eltern und Kinder sein.
Für alles andere gibt es Wege. Wenn beide etwas tun wollen, kann Beziehung funktionieren. Und wenn einer nicht bereit ist, nicht kann oder nicht will, dann darf sie auch scheitern. Auch damit findet man einen Weg zurechtzukommen.
Denn manchmal haben Menschen einfach gute Gründe, warum sie keinen Kontakt mehr wollen. Dann sorg für dich.
Lust auf mehr?
Was in uns leise ist – Folge 8: Kontaktabbruch ist nicht das Ende – über Distanz zwischen Eltern und Kindern
Spotify Apple Podcasts Amazon Music Castbox Kontaktabbruch klingt nach einem Endpunkt. Nach einer Tür, die zufällt. In dieser Folge wird daraus etwas anderes: ein Prozess, der für
Was in uns leise ist – Folge 7: Du schuldest deinen Eltern nichts – über Verantwortung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern
Spotify Apple Podcasts Amazon Music Castbox In den letzten Folgen fiel ein Satz immer wieder: „Das kommt aus deiner Kindheit." Bindungsmuster, Streitverhalten, das innere Kind – irgendwann
Was in uns leise ist – Folge 6: Warum „So bin ich halt.“ das Ende jeder Streitkultur ist
Spotify Apple Podcasts Amazon Music Castbox Beziehungen scheitern selten an fehlender Liebe. Sie scheitern an fehlender Streitkultur. Diesen Satz haben Manja und Sally in den letzten Folgen



