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Weitere InformationenManja war in Berlin bei einem Vortrag von Gabor Maté – Mediziner, Autor, über achtzig und immer noch auf der Bühne. Was sie von dort mitgebracht hat, bildet den roten Faden: Was bedeutet eine Diagnose eigentlich? Und was bedeutet sie ausdrücklich nicht?
Vorweg ein Hinweis, den Manja und Sally mehrfach in der Folge machen: Es geht hier nie darum, Medikamente oder medizinische Behandlung infrage zu stellen. Und niemand soll sich „einfach mal zusammenreißen“.
Zwei Grundbedürfnisse, die sich gegenseitig im Weg stehen
Der Ausgangspunkt bei Maté sind zwei Bedürfnisse, mit denen jeder Mensch auf die Welt kommt.
Das eine ist Bindung. Ein Säugling würde ohne sie schlicht nicht überleben. Das andere ist das authentische Ich – wir werden geboren und schreien unsere Bedürfnisse heraus: Hunger, Durst, Nähe, eine frische Windel.
Und dann kommt das Leben dazwischen. Prägung, Erziehung, Systeme. Wir lernen, dass wir die Bindung nur bekommen, wenn wir unsere authentischen Bedürfnisse zurückstellen. Genau dieser Konflikt – ich muss unauthentisch werden, um verbunden zu bleiben – erzeugt Dauerstress.
Immunsystem und Nervensystem sind kein getrenntes Paar
Der Gedanke, der für Manja vieles zusammenbringt: Beide Systeme funktionieren nach derselben Logik.
Das Nervensystem meldet über Gefühle, was uns nicht guttut. Wut, Ablehnung, der Impuls hier rauszugehen – all das soll Abstand schaffen. Freude und Lust zeigen umgekehrt: Davon gern mehr.
Das Immunsystem macht dasselbe auf körperlicher Ebene. Nährstoffe werden verarbeitet, Schädliches wird bekämpft. Eine Erkältung ist nichts anderes als der Versuch, etwas loszuwerden.
Und diese beiden Systeme hängen zusammen. Wenn wir uns um das eine nicht kümmern, übernimmt irgendwann das andere. Wer seine Gefühle dauerhaft runterschluckt, dessen Immunsystem ist irgendwann damit beschäftigt, das mitzuregulieren – und hat dann weniger Kapazität für den Infekt, der gerade umgeht.
Warum Frauen häufiger betroffen sind
Studien zeigen, dass Frauen ein deutlich höheres Risiko für Autoimmunerkrankungen haben – also für Erkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet. Hashimoto und andere Schilddrüsenerkrankungen gehören dazu, Multiple Sklerose, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen.
Matés Erklärung dafür ist das Patriarchat. Frauen werden darauf trainiert, ihre Gefühle nicht auszuleben – vor allem die Wut. Sie sollen in der fürsorgenden Rolle bleiben. Und wenn das Nervensystem jahrzehntelang lernt, die Wut herunterzuschlucken, übernimmt irgendwann das Immunsystem.
Daraus folgt eine Zahl, bei der im Berliner Saal hörbar alle Frauen aufgeatmet haben: Männer in langjährigen Beziehungen oder Ehen leben statistisch länger und haben ein geringeres Risiko für Autoimmunerkrankungen. Bei Frauen ist es umgekehrt – kürzere Lebenserwartung, höheres Risiko.
Maté betont ausdrücklich: Das liegt nicht an den Männern. Es liegt daran, dass das Patriarchat Frauen auch in der Partnerschaft die fürsorgende Rolle zuweist – oft so selbstverständlich, dass es niemandem auffällt.
Was das System mit Männern macht
Manja und Sally gehen dem auch in die andere Richtung nach: Warum trifft es Männer häufiger mit Herzinfarkten?
Das Nervensystem kennt vier Reaktionen – Angriff, Flucht, Erstarrung, Unterwerfung. Männern wird im Patriarchat vor allem der Angriffsmodus zugewiesen. Viel Adrenalin, Dauerbelastung für Herz und Kreislauf.
Und Manjas These dazu ist bemerkenswert: Das Patriarchat bevorteilt nur sehr wenige Männer. Die große Mehrheit unterwirft sich ihm – arbeitet zu viel, isst schlecht, schläft zu wenig, zieht im Extremfall in Kriege. Getragen von der leisen Hoffnung, irgendwann selbst zu den wenigen zu gehören. Frauen haben diese Hoffnung nie gehabt und wehren sich deshalb seit Jahrtausenden in Wellen dagegen.
Dazu kommt die „lonely male pandemic“: Viele Männer sind zutiefst einsam, weil ihnen nie beigebracht wurde, über Gefühle zu sprechen.
Die Geburt als erste Erfahrung
Ein Kapitel in Matés Buch beschäftigt sich mit der Geburt – und das ist die Stelle, an der bei Manjas Klientinnen regelmäßig Tränen fließen, wenn sie daraus vorliest.
Sein Punkt: Eine traumasensible Geburt sähe völlig anders aus. Gedämpftes Licht, aufrechte Position, Zeit. Stattdessen liegen Frauen mit hochgelegten Beinen, damit die Ärztin gut herankommt – eine Position, in der kein Mensch auf der Welt freiwillig etwas aus sich herauspressen würde. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil Krankenhäuser unter Zeitdruck und Platzmangel arbeiten.
Noch schwerer wiegt für viele Frauen etwas anderes: dass ihnen während des Geburtsprozesses die eigene Intuition abgesprochen wird. Sie kommen ins Krankenhaus und sagen, es ist so weit – und hören, sie hätten noch zehn Stunden und sollten nochmal nach Hause fahren. Und bekommen das Kind dann im Auto.
Wenn Frauen mit diffusen Beschwerden zum Arzt gehen
Sally bringt einen Widerspruch ins Gespräch, der vielen bekannt vorkommen dürfte. Wer mit etwas Unklarem zum Arzt geht, wird gern weggeschickt – trinken Sie mehr, bauen Sie Stress ab. Als hätte man sich den Stress ausgesucht.
Und wenn dann das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenn die Diagnose steht, fragt plötzlich niemand mehr nach dem Stress.
Dazu passt ein Vergleich aus der Forschungslandschaft: Zu Impotenz wurde über Jahrzehnte deutlich mehr geforscht als zu Endometriose – einer Erkrankung, die viele Frauen betrifft.
Der Kern: Die Diagnose ist eine Beschreibung, keine Erklärung
Hier liegt die zentrale Botschaft der Folge, und sie ist unbequem.
Krebs ist nicht die Erklärung dafür, warum es dir schlecht geht. Depression ist es auch nicht. Beides beschreibt, was in deinem Körper passiert. Mehr nicht.
Manja macht das an einem Kreislauf deutlich, in dem viele feststecken: Ich bin antriebslos, appetitlos und fühle wenig – wegen der Depression. Und warum habe ich eine Depression? Weil ich antriebslos, appetitlos bin und wenig fühle. Das dreht sich im Kreis und führt nirgendwohin.
Die eigentliche Frage liegt dahinter: Warum reagiert mein Nervensystem gerade so? Was ist der Stress, was ist das Trauma, was steckt darunter?
Und oft ist die Reaktion sogar klug gewesen. Wer als Kind Überforderndes erlebt, dessen Nervensystem entscheidet irgendwann, die Gefühle wegzudrücken. Das hilft beim Überleben. Nur: Wer jahrelang unterdrückt, was er fühlt, hat irgendwann eine Depression.
Dass eine Diagnose zunächst Erleichterung bringt, stellt dabei niemand infrage. Es hilft zu wissen, was ist – und zu wissen, wer helfen kann. Problematisch wird es erst, wenn die Beschreibung zur Erklärung wird und man dort stehen bleibt.
Psychische Diagnosen: Es gibt keinen Bluttest
Bei psychischen Diagnosen ist noch mehr Vorsicht geboten, weil es für sie keinen eindeutigen körperlichen Nachweis gibt. Kein Bluttest, kein Röntgenbild, kein Scan. Es gibt Tests – bei ADHS etwa zur Konzentrationsfähigkeit –, aber auch die beschreiben nur Symptome.
Matés Bild dazu hat Manja besonders gefallen: Stell dir vor, du fühlst dich auf einer Party unwohl und bist schüchtern. Du trinkst einen Whisky und es geht dir besser. Würde irgendjemand daraus schließen, dass der fehlende Whisky die Ursache deiner Schüchternheit war?
Genauso verhält es sich mit Serotonin. Antidepressiva helfen – oft erheblich und manchmal lebensrettend. Ritalin beruhigt bei ADHS. Beides ist hilfreich. Nur ist der Mangel nicht die Ursache, sondern Teil der Reaktion.
Manja erzählt von Klient:innen, die zu ihr kommen und wissen wollen, ob sie ADHS haben, weil sie dann endlich verstehen würden. Ihre Gegenfrage: Angenommen, ich könnte zaubern und sage Ihnen jetzt, Sie haben ADHS – was haben Sie dann verstanden? Die Antwort steckt schon im Namen. Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität. Sie wissen jetzt, was Sie tun. Aber noch nicht, warum.
Und bei ADHS-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen stellt sie die unbequeme Gegenfrage: Vielleicht funktioniert nicht etwas in diesen Kindern nicht – vielleicht reagieren sie völlig gesund auf eine Welt, die krank ist.
Narzissmus: auch nur eine Beschreibung
Sally bringt ein Thema ein, das inflationär diskutiert wird. Auch hier gilt für Manja dasselbe Prinzip.
Es gibt verschiedene Formen – den grandiosen Narzissmus, bei dem sich jemand für den Größten hält, und den Opfernarzissmus, bei dem jemand sich immer als Opfer der Umstände sieht. Beides beschreibt Verhalten. Es erklärt es nicht.
Die Erklärung dahinter ist meist eine Kindheit, in der ein Kind keine Chance hatte herauszufinden, was es tun muss, um authentisch in Bindung zu sein. Weil die Erwachsenen zu widersprüchlich, zu unberechenbar, zu verwirrend waren. Irgendwann entscheidet das Kind: Dann bin ich eben mit mir selbst in Bindung. Ich bin der Einzige, auf den ich mich verlassen kann.
Auch Narzissmus ist aus Manjas Sicht eine Traumareaktion.
Was eine Diagnose beim Gegenüber bringt – und was nicht
Besonders im psychischen Bereich führt Diagnostik oft dazu, dass wir Menschen bewerten. Er ist Narzisst, sie ist depressiv. Aber was genau hilft dir das?
Manja wird hier sehr klar: Als Angehörige kannst du nichts tun. Du kannst niemanden in deinem Umfeld therapieren. Du verstehst vielleicht besser, was passiert – aber ändern kann es nur die Person selbst.
Und eine Diagnose beim anderen beantwortet die wichtigere Frage nicht: Warum bleibst du in dieser Bindung? Warum bist du diejenige, die sich immer wieder anpasst, die es doch noch richtig machen will? Woher kommt bei dir die Überzeugung, dass du jemanden retten musst?
Meistens, weil wir als Kinder versucht haben, Mama oder Papa zu retten. Das war damals überlebensnotwendig. Als Erwachsene ist es das nicht mehr.
Eine nüchterne Beobachtung noch dazu: Menschen mit ausgeprägt narzisstischem Verhalten gehen selten in Therapie. Wer überzeugt ist, sich nur auf sich selbst verlassen zu können, wird sich kaum einer Therapeutin anvertrauen. Das heißt nicht, dass Veränderung unmöglich wäre – niemand ist unfähig, sich zu verändern. Es heißt nur: Deine Aufgabe ist es, so viel Abstand zu nehmen, dass es dir nicht schadet.
Mutter und Tochter: wie sich Depression weitergibt
Ein Beispiel, das vieles zusammenbringt.
Eine Mutter ist depressiv – antriebslos, emotional nicht verfügbar. Die Tochter lernt durch Beobachtung, wie man als Frau ist. Gleichzeitig versucht sie, die Mutter glücklich zu machen, weil das für ein Kind lebensnotwendig ist. Manja erinnert hier an Hape Kerkeling, der ein brillanter Comedian wurde, weil er seine depressive Mutter zum Lachen bringen wollte.
Für das Nervensystem des Kindes ist das massiver Stress. Es kann nicht wütend sein, weil die Mutter dann noch trauriger wäre. Es kann nicht fröhlich sein, weil das die Mutter erschrecken würde. Also drückt es alles weg.
Und Jahrzehnte später hat die Tochter selbst eine Depression. Nicht, weil sie vererbt wurde – sondern als Ergebnis einer langen Kette von Reaktionen.
Die harte Botschaft
Eine Diagnose befreit dich nicht davon, Verantwortung für dein Verhalten zu übernehmen.
Das ist der Satz, bei dem Manja selbst sagt, dass sie Stress bekommt, wenn sie ihn ausspricht. Denn manchmal wird eine Diagnose zur Erklärung dafür, warum jemand eben nicht verantwortlich ist. „Mein Partner muss akzeptieren, dass ich ADHS habe und so bin.“ Das geht nicht auf.
Es geht dabei ausdrücklich nicht um Schuld. Niemand soll sich fragen, ob er am eigenen Lungenkrebs schuld ist, weil er mit vierzehn geraucht hat. Es geht um Verantwortung für den eigenen Körper, den eigenen Lebensstil, das eigene Verhalten.
Und es geht nicht allein. Wer eine Diagnose bekommt, braucht Ärztinnen, Therapeuten, Begleitung. Unsere Wunden sind in Bindung entstanden – also brauchen wir auch wieder Bindung. Aber die Entscheidung, ein gesundes Leben zu führen, kann niemand für dich treffen.
Das Schlusswort
Manja beschreibt die Folge selbst als emotional und weiß, dass manches provozieren wird. Auch sie wollte Matés Buch zwanzigmal in die Ecke werfen – und liest trotzdem immer wieder darin nach.
Ihr Appell zum Schluss: Lasst euch nicht einlullen von der Vorstellung, dass eine Diagnose etwas erklärt. Nehmt sie ernst, tut etwas dagegen, nutzt alles, was Medizin und Therapie hergeben. Aber irgendwann braucht es die zweite Frage: Was steckt dahinter?
Dass dieser Weg schwer ist, verschweigt sie nicht. Systemsprengerin zu sein – ein Muster zu durchbrechen, das über Generationen funktioniert hat – ist einer der schwersten Wege überhaupt.
Und dass niemand davon ausgenommen ist, zeigt Manja zum Schluss an sich selbst. Sie saß in Berlin im Publikum und bat einen achtzigjährigen Mann darum, ihr einzuordnen, ob ihre Entscheidung gegen eine Partnerschaft gesund ist. Obwohl sie die Antwort längst selbst fühlt. Ihre Sitznachbarin fragte in die Runde, ob eigentlich alle wegen ihrer Daddy Issues hier seien. Manjas Antwort: Es sind eher Grand Daddy Issues.
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Weitere InformationenManja war in Berlin bei einem Vortrag von Gabor Maté – Mediziner, Autor, über achtzig und immer noch auf der Bühne. Was sie von dort mitgebracht hat, bildet den roten Faden: Was bedeutet eine Diagnose eigentlich? Und was bedeutet sie ausdrücklich nicht?
Vorweg ein Hinweis, den Manja und Sally mehrfach in der Folge machen: Es geht hier nie darum, Medikamente oder medizinische Behandlung infrage zu stellen. Und niemand soll sich „einfach mal zusammenreißen“.
Zwei Grundbedürfnisse, die sich gegenseitig im Weg stehen
Der Ausgangspunkt bei Maté sind zwei Bedürfnisse, mit denen jeder Mensch auf die Welt kommt.
Das eine ist Bindung. Ein Säugling würde ohne sie schlicht nicht überleben. Das andere ist das authentische Ich – wir werden geboren und schreien unsere Bedürfnisse heraus: Hunger, Durst, Nähe, eine frische Windel.
Und dann kommt das Leben dazwischen. Prägung, Erziehung, Systeme. Wir lernen, dass wir die Bindung nur bekommen, wenn wir unsere authentischen Bedürfnisse zurückstellen. Genau dieser Konflikt – ich muss unauthentisch werden, um verbunden zu bleiben – erzeugt Dauerstress.
Immunsystem und Nervensystem sind kein getrenntes Paar
Der Gedanke, der für Manja vieles zusammenbringt: Beide Systeme funktionieren nach derselben Logik.
Das Nervensystem meldet über Gefühle, was uns nicht guttut. Wut, Ablehnung, der Impuls hier rauszugehen – all das soll Abstand schaffen. Freude und Lust zeigen umgekehrt: Davon gern mehr.
Das Immunsystem macht dasselbe auf körperlicher Ebene. Nährstoffe werden verarbeitet, Schädliches wird bekämpft. Eine Erkältung ist nichts anderes als der Versuch, etwas loszuwerden.
Und diese beiden Systeme hängen zusammen. Wenn wir uns um das eine nicht kümmern, übernimmt irgendwann das andere. Wer seine Gefühle dauerhaft runterschluckt, dessen Immunsystem ist irgendwann damit beschäftigt, das mitzuregulieren – und hat dann weniger Kapazität für den Infekt, der gerade umgeht.
Warum Frauen häufiger betroffen sind
Studien zeigen, dass Frauen ein deutlich höheres Risiko für Autoimmunerkrankungen haben – also für Erkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet. Hashimoto und andere Schilddrüsenerkrankungen gehören dazu, Multiple Sklerose, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen.
Matés Erklärung dafür ist das Patriarchat. Frauen werden darauf trainiert, ihre Gefühle nicht auszuleben – vor allem die Wut. Sie sollen in der fürsorgenden Rolle bleiben. Und wenn das Nervensystem jahrzehntelang lernt, die Wut herunterzuschlucken, übernimmt irgendwann das Immunsystem.
Daraus folgt eine Zahl, bei der im Berliner Saal hörbar alle Frauen aufgeatmet haben: Männer in langjährigen Beziehungen oder Ehen leben statistisch länger und haben ein geringeres Risiko für Autoimmunerkrankungen. Bei Frauen ist es umgekehrt – kürzere Lebenserwartung, höheres Risiko.
Maté betont ausdrücklich: Das liegt nicht an den Männern. Es liegt daran, dass das Patriarchat Frauen auch in der Partnerschaft die fürsorgende Rolle zuweist – oft so selbstverständlich, dass es niemandem auffällt.
Was das System mit Männern macht
Manja und Sally gehen dem auch in die andere Richtung nach: Warum trifft es Männer häufiger mit Herzinfarkten?
Das Nervensystem kennt vier Reaktionen – Angriff, Flucht, Erstarrung, Unterwerfung. Männern wird im Patriarchat vor allem der Angriffsmodus zugewiesen. Viel Adrenalin, Dauerbelastung für Herz und Kreislauf.
Und Manjas These dazu ist bemerkenswert: Das Patriarchat bevorteilt nur sehr wenige Männer. Die große Mehrheit unterwirft sich ihm – arbeitet zu viel, isst schlecht, schläft zu wenig, zieht im Extremfall in Kriege. Getragen von der leisen Hoffnung, irgendwann selbst zu den wenigen zu gehören. Frauen haben diese Hoffnung nie gehabt und wehren sich deshalb seit Jahrtausenden in Wellen dagegen.
Dazu kommt die „lonely male pandemic“: Viele Männer sind zutiefst einsam, weil ihnen nie beigebracht wurde, über Gefühle zu sprechen.
Die Geburt als erste Erfahrung
Ein Kapitel in Matés Buch beschäftigt sich mit der Geburt – und das ist die Stelle, an der bei Manjas Klientinnen regelmäßig Tränen fließen, wenn sie daraus vorliest.
Sein Punkt: Eine traumasensible Geburt sähe völlig anders aus. Gedämpftes Licht, aufrechte Position, Zeit. Stattdessen liegen Frauen mit hochgelegten Beinen, damit die Ärztin gut herankommt – eine Position, in der kein Mensch auf der Welt freiwillig etwas aus sich herauspressen würde. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil Krankenhäuser unter Zeitdruck und Platzmangel arbeiten.
Noch schwerer wiegt für viele Frauen etwas anderes: dass ihnen während des Geburtsprozesses die eigene Intuition abgesprochen wird. Sie kommen ins Krankenhaus und sagen, es ist so weit – und hören, sie hätten noch zehn Stunden und sollten nochmal nach Hause fahren. Und bekommen das Kind dann im Auto.
Wenn Frauen mit diffusen Beschwerden zum Arzt gehen
Sally bringt einen Widerspruch ins Gespräch, der vielen bekannt vorkommen dürfte. Wer mit etwas Unklarem zum Arzt geht, wird gern weggeschickt – trinken Sie mehr, bauen Sie Stress ab. Als hätte man sich den Stress ausgesucht.
Und wenn dann das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenn die Diagnose steht, fragt plötzlich niemand mehr nach dem Stress.
Dazu passt ein Vergleich aus der Forschungslandschaft: Zu Impotenz wurde über Jahrzehnte deutlich mehr geforscht als zu Endometriose – einer Erkrankung, die viele Frauen betrifft.
Der Kern: Die Diagnose ist eine Beschreibung, keine Erklärung
Hier liegt die zentrale Botschaft der Folge, und sie ist unbequem.
Krebs ist nicht die Erklärung dafür, warum es dir schlecht geht. Depression ist es auch nicht. Beides beschreibt, was in deinem Körper passiert. Mehr nicht.
Manja macht das an einem Kreislauf deutlich, in dem viele feststecken: Ich bin antriebslos, appetitlos und fühle wenig – wegen der Depression. Und warum habe ich eine Depression? Weil ich antriebslos, appetitlos bin und wenig fühle. Das dreht sich im Kreis und führt nirgendwohin.
Die eigentliche Frage liegt dahinter: Warum reagiert mein Nervensystem gerade so? Was ist der Stress, was ist das Trauma, was steckt darunter?
Und oft ist die Reaktion sogar klug gewesen. Wer als Kind Überforderndes erlebt, dessen Nervensystem entscheidet irgendwann, die Gefühle wegzudrücken. Das hilft beim Überleben. Nur: Wer jahrelang unterdrückt, was er fühlt, hat irgendwann eine Depression.
Dass eine Diagnose zunächst Erleichterung bringt, stellt dabei niemand infrage. Es hilft zu wissen, was ist – und zu wissen, wer helfen kann. Problematisch wird es erst, wenn die Beschreibung zur Erklärung wird und man dort stehen bleibt.
Psychische Diagnosen: Es gibt keinen Bluttest
Bei psychischen Diagnosen ist noch mehr Vorsicht geboten, weil es für sie keinen eindeutigen körperlichen Nachweis gibt. Kein Bluttest, kein Röntgenbild, kein Scan. Es gibt Tests – bei ADHS etwa zur Konzentrationsfähigkeit –, aber auch die beschreiben nur Symptome.
Matés Bild dazu hat Manja besonders gefallen: Stell dir vor, du fühlst dich auf einer Party unwohl und bist schüchtern. Du trinkst einen Whisky und es geht dir besser. Würde irgendjemand daraus schließen, dass der fehlende Whisky die Ursache deiner Schüchternheit war?
Genauso verhält es sich mit Serotonin. Antidepressiva helfen – oft erheblich und manchmal lebensrettend. Ritalin beruhigt bei ADHS. Beides ist hilfreich. Nur ist der Mangel nicht die Ursache, sondern Teil der Reaktion.
Manja erzählt von Klient:innen, die zu ihr kommen und wissen wollen, ob sie ADHS haben, weil sie dann endlich verstehen würden. Ihre Gegenfrage: Angenommen, ich könnte zaubern und sage Ihnen jetzt, Sie haben ADHS – was haben Sie dann verstanden? Die Antwort steckt schon im Namen. Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität. Sie wissen jetzt, was Sie tun. Aber noch nicht, warum.
Und bei ADHS-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen stellt sie die unbequeme Gegenfrage: Vielleicht funktioniert nicht etwas in diesen Kindern nicht – vielleicht reagieren sie völlig gesund auf eine Welt, die krank ist.
Narzissmus: auch nur eine Beschreibung
Sally bringt ein Thema ein, das inflationär diskutiert wird. Auch hier gilt für Manja dasselbe Prinzip.
Es gibt verschiedene Formen – den grandiosen Narzissmus, bei dem sich jemand für den Größten hält, und den Opfernarzissmus, bei dem jemand sich immer als Opfer der Umstände sieht. Beides beschreibt Verhalten. Es erklärt es nicht.
Die Erklärung dahinter ist meist eine Kindheit, in der ein Kind keine Chance hatte herauszufinden, was es tun muss, um authentisch in Bindung zu sein. Weil die Erwachsenen zu widersprüchlich, zu unberechenbar, zu verwirrend waren. Irgendwann entscheidet das Kind: Dann bin ich eben mit mir selbst in Bindung. Ich bin der Einzige, auf den ich mich verlassen kann.
Auch Narzissmus ist aus Manjas Sicht eine Traumareaktion.
Was eine Diagnose beim Gegenüber bringt – und was nicht
Besonders im psychischen Bereich führt Diagnostik oft dazu, dass wir Menschen bewerten. Er ist Narzisst, sie ist depressiv. Aber was genau hilft dir das?
Manja wird hier sehr klar: Als Angehörige kannst du nichts tun. Du kannst niemanden in deinem Umfeld therapieren. Du verstehst vielleicht besser, was passiert – aber ändern kann es nur die Person selbst.
Und eine Diagnose beim anderen beantwortet die wichtigere Frage nicht: Warum bleibst du in dieser Bindung? Warum bist du diejenige, die sich immer wieder anpasst, die es doch noch richtig machen will? Woher kommt bei dir die Überzeugung, dass du jemanden retten musst?
Meistens, weil wir als Kinder versucht haben, Mama oder Papa zu retten. Das war damals überlebensnotwendig. Als Erwachsene ist es das nicht mehr.
Eine nüchterne Beobachtung noch dazu: Menschen mit ausgeprägt narzisstischem Verhalten gehen selten in Therapie. Wer überzeugt ist, sich nur auf sich selbst verlassen zu können, wird sich kaum einer Therapeutin anvertrauen. Das heißt nicht, dass Veränderung unmöglich wäre – niemand ist unfähig, sich zu verändern. Es heißt nur: Deine Aufgabe ist es, so viel Abstand zu nehmen, dass es dir nicht schadet.
Mutter und Tochter: wie sich Depression weitergibt
Ein Beispiel, das vieles zusammenbringt.
Eine Mutter ist depressiv – antriebslos, emotional nicht verfügbar. Die Tochter lernt durch Beobachtung, wie man als Frau ist. Gleichzeitig versucht sie, die Mutter glücklich zu machen, weil das für ein Kind lebensnotwendig ist. Manja erinnert hier an Hape Kerkeling, der ein brillanter Comedian wurde, weil er seine depressive Mutter zum Lachen bringen wollte.
Für das Nervensystem des Kindes ist das massiver Stress. Es kann nicht wütend sein, weil die Mutter dann noch trauriger wäre. Es kann nicht fröhlich sein, weil das die Mutter erschrecken würde. Also drückt es alles weg.
Und Jahrzehnte später hat die Tochter selbst eine Depression. Nicht, weil sie vererbt wurde – sondern als Ergebnis einer langen Kette von Reaktionen.
Die harte Botschaft
Eine Diagnose befreit dich nicht davon, Verantwortung für dein Verhalten zu übernehmen.
Das ist der Satz, bei dem Manja selbst sagt, dass sie Stress bekommt, wenn sie ihn ausspricht. Denn manchmal wird eine Diagnose zur Erklärung dafür, warum jemand eben nicht verantwortlich ist. „Mein Partner muss akzeptieren, dass ich ADHS habe und so bin.“ Das geht nicht auf.
Es geht dabei ausdrücklich nicht um Schuld. Niemand soll sich fragen, ob er am eigenen Lungenkrebs schuld ist, weil er mit vierzehn geraucht hat. Es geht um Verantwortung für den eigenen Körper, den eigenen Lebensstil, das eigene Verhalten.
Und es geht nicht allein. Wer eine Diagnose bekommt, braucht Ärztinnen, Therapeuten, Begleitung. Unsere Wunden sind in Bindung entstanden – also brauchen wir auch wieder Bindung. Aber die Entscheidung, ein gesundes Leben zu führen, kann niemand für dich treffen.
Das Schlusswort
Manja beschreibt die Folge selbst als emotional und weiß, dass manches provozieren wird. Auch sie wollte Matés Buch zwanzigmal in die Ecke werfen – und liest trotzdem immer wieder darin nach.
Ihr Appell zum Schluss: Lasst euch nicht einlullen von der Vorstellung, dass eine Diagnose etwas erklärt. Nehmt sie ernst, tut etwas dagegen, nutzt alles, was Medizin und Therapie hergeben. Aber irgendwann braucht es die zweite Frage: Was steckt dahinter?
Dass dieser Weg schwer ist, verschweigt sie nicht. Systemsprengerin zu sein – ein Muster zu durchbrechen, das über Generationen funktioniert hat – ist einer der schwersten Wege überhaupt.
Und dass niemand davon ausgenommen ist, zeigt Manja zum Schluss an sich selbst. Sie saß in Berlin im Publikum und bat einen achtzigjährigen Mann darum, ihr einzuordnen, ob ihre Entscheidung gegen eine Partnerschaft gesund ist. Obwohl sie die Antwort längst selbst fühlt. Ihre Sitznachbarin fragte in die Runde, ob eigentlich alle wegen ihrer Daddy Issues hier seien. Manjas Antwort: Es sind eher Grand Daddy Issues.
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