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Warum stoßen wir manchmal genau den Menschen weg, den wir eigentlich halten wollen? Warum klammern andere sich fest, bis die Hände bluten? Und warum kommt die Bindungsangst nie dann, wenn alles frisch verliebt ist – sondern immer genau in dem Moment, in dem es eigentlich sicher werden könnte?

In der dritten Folge von „Was in uns leise ist“ sprechen Manja und Sally über Bindungsstile. Vorher gibt es allerdings noch zwei Richtigstellungen.

Kleine Korrekturen vorweg

In Folge 2 ist die Generation X komplett untergegangen – versehentlich unter den Babyboomern einsortiert. Ausgerechnet die Generation, die ohnehin „die vergessene Generation“ genannt wird. Diesmal also ein ausdrücklicher Shoutout an alle dazwischen.

Und ein lieber Gruß an Manjas Mama: Manja wurde nicht „in die Krippe geworfen“, sondern nach einem Jahr liebevoll dort abgegeben – nach bestem Wissen der damaligen Zeit. Die Zuspitzung sollte nur den Punkt verdeutlichen, dass Fremdbetreuung in einem Alter ohne Sprache durchaus Spuren hinterlassen kann.

Die vier Bindungsstile

Es gibt grundsätzlich vier Bindungsstile. Der sichere Bindungsstil beschreibt Menschen, die mit wenig bis gar keiner Angst in Bindung sein können – relativ selten. Die anderen drei sind von Angst geprägt und unterscheiden sich vor allem darin, wie sie mit dieser Angst umgehen:

Der ängstliche Bindungsstil hat ständig Angst, den anderen zu verlieren oder verlassen zu werden. Der vermeidende Bindungsstil – das „Autonome“ aus der letzten Folge – hat Angst, sich selbst zu verlieren, und braucht Distanz, um sich wieder zu spüren. Und der disorganisierte Bindungsstil ist eine Kombination aus beidem: heute ängstlich, morgen vermeidend. Für das Gegenüber kann das sehr verwirrend sein, weil es so unberechenbar wirkt.

Wichtig: Man ist nicht für immer auf seinen Bindungsstil festgelegt.

Bindungsangst will testen

Bindungsangst zeigt sich selten in der Verliebtheitsphase. Sie kommt erst dann, wenn eigentlich Sicherheit entstehen müsste – wenn die Verbindung Bestand hätte. In genau diesem Moment fragt die Angst: Bist du dir sicher, dass das hier gut wird?

Und dann beginnt das Testen. Der eine testet über ganz viel Nähe, der andere über Distanz, der dritte im ständigen Wechsel: Nähe, Distanz, Nähe, Distanz. Die Angst will herausfinden, ob es sicher ist. Ob der andere bleibt. Der eigene Bindungsstil beschreibt vor allem, wie wir testen – ob wir die Tür vor der Nase zuknallen und hoffen, dass der andere zurückkommt, oder ob wir klammern und schauen, wie lange das jemand aushält.

Woher der Bindungsstil kommt

Unsere erste Bindungserfahrung machen wir mit unseren Eltern – mit einer Frau (der Mutter) und einem Mann (dem Vater). Für eine spätere heterosexuelle Beziehung prägt das gleich zweifach: Wie ist mein Vater mit mir umgegangen? Und wie hat sich meine Mutter in ihrer Beziehung behandeln lassen?

Auch das Generationenthema zeigt sich hier wieder. Abwesende Väter haben bei vielen Söhnen erzeugt: Vermeidung ist sicherer als Dasein. Und viele Töchter haben erlebt, dass Bindung nie verlässlich war – mal ist der Vater da, mal nicht – was wiederum Verlustangst nährt. Deshalb begegnet uns oft die Kombination aus ängstlich und vermeidend.

Ein Punkt, über den seltener gesprochen wird: Wenn der Vater abwesend ist, vereinnahmen Mütter manchmal ihre Söhne und holen sich die fehlende Nähe vom Kind. Einen kleinen Jungen emotional dafür verantwortlich zu machen, dass Mama glücklich ist, überfordert – und kann später als Bindungsangst wieder auftauchen.

Kindliche Bindung vs. erwachsene Bindung

Der vielleicht wichtigste Gedanke der Folge: In der kindlichen Bindung bin ich nicht verantwortlich. Eltern sind dafür zuständig, dass es dem Kind gut geht – körperlich, emotional, geistig. Nicht andersherum. (Unser Gehirn ist übrigens erst zwischen 28 und 30 wirklich erwachsen.)

In der erwachsenen Bindung dagegen bin ich zu 50 Prozent dafür verantwortlich, dass meine Partnerschaft, Freundschaft oder Arbeitsbeziehung funktioniert – und der andere zu 50 Prozent. Wenn in der Kindheit ein Mangel entstanden ist, nehmen wir ihn oft mit und erwarten, dass jetzt doch endlich jemand kommt, der für uns verantwortlich ist. Genau das kann der andere auf Dauer nicht tragen – und dann kommt die Bindungsangst zum Vorschein.

Selbstverantwortung und Beziehungsverantwortung

Manja unterscheidet zwei Ebenen. Die Selbstverantwortung heißt: Ich merke, ich kann gerade nicht. Die Beziehungsverantwortung heißt: Ich weiß aber, wenn ich jetzt einfach gehe, löst das beim anderen etwas aus.

Ein konkretes Beispiel aus der Folge: Im Streit zwischen einem ängstlichen und einem vermeidenden Typ könnte der Vermeider erwachsen formulieren: „Ich merke, ich kann gerade nichts beitragen. Ich will das aber unbedingt mit dir lösen. Ich brauche eine Pause, ich gehe 20 Minuten spazieren – und ich melde mich auf jeden Fall in 20 Minuten.“ Der ängstliche Typ wiederum übernimmt Verantwortung, indem er sagt: „Ich versuche, die 20 Minuten auszuhalten, aber sei mir nicht böse, wenn ich nach 15 schon anrufe.“

Hilfreich für ängstliche Typen ist die Botschaft: Wir machen hier weiter. Das geht nicht ans Fundament. Es ist nur ein Konflikt.

Was Beziehungsverantwortung nicht sein kann: „Ich bin so, wie ich bin, damit musst du klarkommen.“ Denn das, wonach wir uns alle sehnen – bedingungslos geliebt zu werden, einfach gut genug zu sein – ist die Aufgabe von Eltern, nicht die einer Partnerin oder eines Partners.

Wenn die anderen das Problem sind

Manjas Lieblingsmoment ist, wenn ein Paar zu ihr kommt und nach fünf Minuten klar wird: Wäre der andere anders, hätten wir kein Problem. Wenn jemand vor allem darauf fixiert ist, dass der Partner, der Chef oder die Freundin sich ändern müsste, deutet das meist auf die größere eigene Baustelle hin. Denn wenn die anderen immer das Problem sind, ist der gemeinsame Nenner – statistisch gesehen – man selbst.

Hinter Vorwürfen wie „ich fühle mich nicht gesehen, nicht wertgeschätzt, ignoriert“ stecken oft kindliche Wünsche. Auch im Job: Ein Arbeitgeber ist nicht fürs Loben zuständig. Wer Feedback braucht, darf danach fragen – das ist erwachsene Beziehung. Sich zurückzuziehen und zu denken „der müsste doch wissen, dass ich das gerade brauche“, ist kindliches Verhalten.

Das Mantra: „Ist das nicht interessant?“

Manjas Lieblingssatz für den Moment, in dem man feststeckt: Ist das nicht interessant?

Statt sofort den anderen verantwortlich zu machen, kommt man so in die Beobachterrolle. „Ist das nicht interessant, dass mich dieser Blick gerade so wütend macht?“ Denn das verschiebt den Fokus zurück zu mir – und nur von dort aus lässt sich erforschen, worum es eigentlich geht. Wichtig dabei: liebevoll mit sich bleiben.

Und ein körperlicher Hinweis: Wenn der Körper schon voll in der Reaktion ist – Herzrasen, Bauchschmerzen – hilft Denken nicht mehr. Dann braucht es zuerst Bewegung, frische Luft, Atmen. Ohne Körperregulation keine geistige Regulation. Erst danach kommen die beiden hilfreichen Fragen: Was ist hier eigentlich passiert? Und: Was kann ich selbst tun – nicht, was müsste der andere tun?

Bedürfnisse zur Verfügung stellen

Wer eine Umarmung braucht, darf darum bitten. Und muss als Erwachsener gleichzeitig aushalten, dass der andere vielleicht sagt: Gerade kann ich das nicht. Die kindliche Vorstellung lautet: Ich habe ein Bedürfnis, also wird es erfüllt. Erwachsene Bindung heißt: Ich stelle mein Bedürfnis zur Verfügung – ohne Garantie, dass es jederzeit hundertprozentig erfüllt wird. Die meisten Menschen stellen ihr Bedürfnis aber gar nicht erst zur Verfügung. Oder nur als Vorwurf: „Hast du mich wieder nicht in den Arm genommen?“

Wann macht eine Beziehung keinen Sinn mehr?

Eine klare Antwort: Wenn einer nicht bereit ist, sein Verhalten anzupassen, ist es vorbei. Wer sagt „Ich bin so, wie ich bin, und ich verändere mich hier nicht, damit das funktioniert“, signalisiert kein Interesse an der Bindung. Aus Coaching-Sicht würde dieser eine Satz reichen.

Wenn aber beide bereit sind, an ihrem Verhalten zu arbeiten, lohnt sich ein Zeitraum von etwa einem halben Jahr. Verändert sich in dieser Zeit gar nichts, darf man es lassen. Manja findet die Idee schön, dass Paare oder Freundschaften sich einen jährlichen Termin setzen: Wollen wir das eigentlich noch? So verpasst man nicht zwei, drei Jahre im Hoffen auf ein Potenzial, das sich nie zeigt.

Am Ende ist es eine Abwägung: Was schmerzt mehr – dauerhaft auf ungewisses Potenzial zu hoffen oder den Verlust der Bindung?

Breadcrumbing und der fehlende Selbstwert

Das Muster, bei dem einer nur kleine „Brotkrumen“ an Zuwendung gibt und der andere sich trotzdem abrackert, ist kein Geschlechterthema, sondern schlicht Bindungsstil. Sich nicht mit Brotkrumen zufriedenzugeben, erfordert vor allem eines: Selbstwert. Das Gefühl, nicht davon abhängig zu sein, dass der andere mich liebt.

Und genau dieser Selbstwert kommt wieder aus der ersten Bindung. Die meisten heute Erwachsenen sind im Mangel daran aufgewachsen.

Wie Selbstwert entsteht

Manjas einfaches Beispiel: Ein Kind kommt aus der Kita mit einem gemalten Bild. Selbstwert entsteht nicht durch ein gleichgültiges „schön“ – und auch nicht durch übermäßiges Lob („das beste Bild aller Zeiten“), denn dann lernt das Kind: Ich muss krasse Bilder malen, um geliebt zu werden.

Was wirklich Selbstwert aufbaut, sind Fragen: Erzähl mir mal, was ist da drauf? Warum hast du diese Farbe genommen? Wie bist du darauf gekommen? Dann erzählt das Kind über das, was es selbst geschaffen hat – und genau das stärkt das Selbstwertgefühl.

Manjas eigenes Ritual: Einmal im Jahr schreibt sie sich eine Karte mit dem, was sie geschafft hat. In Momenten des Zweifels liest sie sie – und erinnert sich, was alles möglich war.

Das Schlusswort

Es ist nicht die Aufgabe zweier Erwachsener, sich gegenseitig glücklich zu machen. Die Aufgabe ist: Ich sorge dafür, dass ich glücklich bin, du sorgst dafür, dass du glücklich bist – und in der Mitte finden wir gemeinsame Zeit, Kompromisse, Unterstützung. Wir empowern uns, heben uns gegenseitig, feiern uns. Aber Glück kann ich nicht vom anderen erwarten. Bedingungslose Liebe in einer erwachsenen Beziehung dagegen schon.

Oder, wie Manja zum Schluss sagt: Liebt euch bedingungslos selbst.

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Warum stoßen wir manchmal genau den Menschen weg, den wir eigentlich halten wollen? Warum klammern andere sich fest, bis die Hände bluten? Und warum kommt die Bindungsangst nie dann, wenn alles frisch verliebt ist – sondern immer genau in dem Moment, in dem es eigentlich sicher werden könnte?

In der dritten Folge von „Was in uns leise ist“ sprechen Manja und Sally über Bindungsstile. Vorher gibt es allerdings noch zwei Richtigstellungen.

Kleine Korrekturen vorweg

In Folge 2 ist die Generation X komplett untergegangen – versehentlich unter den Babyboomern einsortiert. Ausgerechnet die Generation, die ohnehin „die vergessene Generation“ genannt wird. Diesmal also ein ausdrücklicher Shoutout an alle dazwischen.

Und ein lieber Gruß an Manjas Mama: Manja wurde nicht „in die Krippe geworfen“, sondern nach einem Jahr liebevoll dort abgegeben – nach bestem Wissen der damaligen Zeit. Die Zuspitzung sollte nur den Punkt verdeutlichen, dass Fremdbetreuung in einem Alter ohne Sprache durchaus Spuren hinterlassen kann.

Die vier Bindungsstile

Es gibt grundsätzlich vier Bindungsstile. Der sichere Bindungsstil beschreibt Menschen, die mit wenig bis gar keiner Angst in Bindung sein können – relativ selten. Die anderen drei sind von Angst geprägt und unterscheiden sich vor allem darin, wie sie mit dieser Angst umgehen:

Der ängstliche Bindungsstil hat ständig Angst, den anderen zu verlieren oder verlassen zu werden. Der vermeidende Bindungsstil – das „Autonome“ aus der letzten Folge – hat Angst, sich selbst zu verlieren, und braucht Distanz, um sich wieder zu spüren. Und der disorganisierte Bindungsstil ist eine Kombination aus beidem: heute ängstlich, morgen vermeidend. Für das Gegenüber kann das sehr verwirrend sein, weil es so unberechenbar wirkt.

Wichtig: Man ist nicht für immer auf seinen Bindungsstil festgelegt.

Bindungsangst will testen

Bindungsangst zeigt sich selten in der Verliebtheitsphase. Sie kommt erst dann, wenn eigentlich Sicherheit entstehen müsste – wenn die Verbindung Bestand hätte. In genau diesem Moment fragt die Angst: Bist du dir sicher, dass das hier gut wird?

Und dann beginnt das Testen. Der eine testet über ganz viel Nähe, der andere über Distanz, der dritte im ständigen Wechsel: Nähe, Distanz, Nähe, Distanz. Die Angst will herausfinden, ob es sicher ist. Ob der andere bleibt. Der eigene Bindungsstil beschreibt vor allem, wie wir testen – ob wir die Tür vor der Nase zuknallen und hoffen, dass der andere zurückkommt, oder ob wir klammern und schauen, wie lange das jemand aushält.

Woher der Bindungsstil kommt

Unsere erste Bindungserfahrung machen wir mit unseren Eltern – mit einer Frau (der Mutter) und einem Mann (dem Vater). Für eine spätere heterosexuelle Beziehung prägt das gleich zweifach: Wie ist mein Vater mit mir umgegangen? Und wie hat sich meine Mutter in ihrer Beziehung behandeln lassen?

Auch das Generationenthema zeigt sich hier wieder. Abwesende Väter haben bei vielen Söhnen erzeugt: Vermeidung ist sicherer als Dasein. Und viele Töchter haben erlebt, dass Bindung nie verlässlich war – mal ist der Vater da, mal nicht – was wiederum Verlustangst nährt. Deshalb begegnet uns oft die Kombination aus ängstlich und vermeidend.

Ein Punkt, über den seltener gesprochen wird: Wenn der Vater abwesend ist, vereinnahmen Mütter manchmal ihre Söhne und holen sich die fehlende Nähe vom Kind. Einen kleinen Jungen emotional dafür verantwortlich zu machen, dass Mama glücklich ist, überfordert – und kann später als Bindungsangst wieder auftauchen.

Kindliche Bindung vs. erwachsene Bindung

Der vielleicht wichtigste Gedanke der Folge: In der kindlichen Bindung bin ich nicht verantwortlich. Eltern sind dafür zuständig, dass es dem Kind gut geht – körperlich, emotional, geistig. Nicht andersherum. (Unser Gehirn ist übrigens erst zwischen 28 und 30 wirklich erwachsen.)

In der erwachsenen Bindung dagegen bin ich zu 50 Prozent dafür verantwortlich, dass meine Partnerschaft, Freundschaft oder Arbeitsbeziehung funktioniert – und der andere zu 50 Prozent. Wenn in der Kindheit ein Mangel entstanden ist, nehmen wir ihn oft mit und erwarten, dass jetzt doch endlich jemand kommt, der für uns verantwortlich ist. Genau das kann der andere auf Dauer nicht tragen – und dann kommt die Bindungsangst zum Vorschein.

Selbstverantwortung und Beziehungsverantwortung

Manja unterscheidet zwei Ebenen. Die Selbstverantwortung heißt: Ich merke, ich kann gerade nicht. Die Beziehungsverantwortung heißt: Ich weiß aber, wenn ich jetzt einfach gehe, löst das beim anderen etwas aus.

Ein konkretes Beispiel aus der Folge: Im Streit zwischen einem ängstlichen und einem vermeidenden Typ könnte der Vermeider erwachsen formulieren: „Ich merke, ich kann gerade nichts beitragen. Ich will das aber unbedingt mit dir lösen. Ich brauche eine Pause, ich gehe 20 Minuten spazieren – und ich melde mich auf jeden Fall in 20 Minuten.“ Der ängstliche Typ wiederum übernimmt Verantwortung, indem er sagt: „Ich versuche, die 20 Minuten auszuhalten, aber sei mir nicht böse, wenn ich nach 15 schon anrufe.“

Hilfreich für ängstliche Typen ist die Botschaft: Wir machen hier weiter. Das geht nicht ans Fundament. Es ist nur ein Konflikt.

Was Beziehungsverantwortung nicht sein kann: „Ich bin so, wie ich bin, damit musst du klarkommen.“ Denn das, wonach wir uns alle sehnen – bedingungslos geliebt zu werden, einfach gut genug zu sein – ist die Aufgabe von Eltern, nicht die einer Partnerin oder eines Partners.

Wenn die anderen das Problem sind

Manjas Lieblingsmoment ist, wenn ein Paar zu ihr kommt und nach fünf Minuten klar wird: Wäre der andere anders, hätten wir kein Problem. Wenn jemand vor allem darauf fixiert ist, dass der Partner, der Chef oder die Freundin sich ändern müsste, deutet das meist auf die größere eigene Baustelle hin. Denn wenn die anderen immer das Problem sind, ist der gemeinsame Nenner – statistisch gesehen – man selbst.

Hinter Vorwürfen wie „ich fühle mich nicht gesehen, nicht wertgeschätzt, ignoriert“ stecken oft kindliche Wünsche. Auch im Job: Ein Arbeitgeber ist nicht fürs Loben zuständig. Wer Feedback braucht, darf danach fragen – das ist erwachsene Beziehung. Sich zurückzuziehen und zu denken „der müsste doch wissen, dass ich das gerade brauche“, ist kindliches Verhalten.

Das Mantra: „Ist das nicht interessant?“

Manjas Lieblingssatz für den Moment, in dem man feststeckt: Ist das nicht interessant?

Statt sofort den anderen verantwortlich zu machen, kommt man so in die Beobachterrolle. „Ist das nicht interessant, dass mich dieser Blick gerade so wütend macht?“ Denn das verschiebt den Fokus zurück zu mir – und nur von dort aus lässt sich erforschen, worum es eigentlich geht. Wichtig dabei: liebevoll mit sich bleiben.

Und ein körperlicher Hinweis: Wenn der Körper schon voll in der Reaktion ist – Herzrasen, Bauchschmerzen – hilft Denken nicht mehr. Dann braucht es zuerst Bewegung, frische Luft, Atmen. Ohne Körperregulation keine geistige Regulation. Erst danach kommen die beiden hilfreichen Fragen: Was ist hier eigentlich passiert? Und: Was kann ich selbst tun – nicht, was müsste der andere tun?

Bedürfnisse zur Verfügung stellen

Wer eine Umarmung braucht, darf darum bitten. Und muss als Erwachsener gleichzeitig aushalten, dass der andere vielleicht sagt: Gerade kann ich das nicht. Die kindliche Vorstellung lautet: Ich habe ein Bedürfnis, also wird es erfüllt. Erwachsene Bindung heißt: Ich stelle mein Bedürfnis zur Verfügung – ohne Garantie, dass es jederzeit hundertprozentig erfüllt wird. Die meisten Menschen stellen ihr Bedürfnis aber gar nicht erst zur Verfügung. Oder nur als Vorwurf: „Hast du mich wieder nicht in den Arm genommen?“

Wann macht eine Beziehung keinen Sinn mehr?

Eine klare Antwort: Wenn einer nicht bereit ist, sein Verhalten anzupassen, ist es vorbei. Wer sagt „Ich bin so, wie ich bin, und ich verändere mich hier nicht, damit das funktioniert“, signalisiert kein Interesse an der Bindung. Aus Coaching-Sicht würde dieser eine Satz reichen.

Wenn aber beide bereit sind, an ihrem Verhalten zu arbeiten, lohnt sich ein Zeitraum von etwa einem halben Jahr. Verändert sich in dieser Zeit gar nichts, darf man es lassen. Manja findet die Idee schön, dass Paare oder Freundschaften sich einen jährlichen Termin setzen: Wollen wir das eigentlich noch? So verpasst man nicht zwei, drei Jahre im Hoffen auf ein Potenzial, das sich nie zeigt.

Am Ende ist es eine Abwägung: Was schmerzt mehr – dauerhaft auf ungewisses Potenzial zu hoffen oder den Verlust der Bindung?

Breadcrumbing und der fehlende Selbstwert

Das Muster, bei dem einer nur kleine „Brotkrumen“ an Zuwendung gibt und der andere sich trotzdem abrackert, ist kein Geschlechterthema, sondern schlicht Bindungsstil. Sich nicht mit Brotkrumen zufriedenzugeben, erfordert vor allem eines: Selbstwert. Das Gefühl, nicht davon abhängig zu sein, dass der andere mich liebt.

Und genau dieser Selbstwert kommt wieder aus der ersten Bindung. Die meisten heute Erwachsenen sind im Mangel daran aufgewachsen.

Wie Selbstwert entsteht

Manjas einfaches Beispiel: Ein Kind kommt aus der Kita mit einem gemalten Bild. Selbstwert entsteht nicht durch ein gleichgültiges „schön“ – und auch nicht durch übermäßiges Lob („das beste Bild aller Zeiten“), denn dann lernt das Kind: Ich muss krasse Bilder malen, um geliebt zu werden.

Was wirklich Selbstwert aufbaut, sind Fragen: Erzähl mir mal, was ist da drauf? Warum hast du diese Farbe genommen? Wie bist du darauf gekommen? Dann erzählt das Kind über das, was es selbst geschaffen hat – und genau das stärkt das Selbstwertgefühl.

Manjas eigenes Ritual: Einmal im Jahr schreibt sie sich eine Karte mit dem, was sie geschafft hat. In Momenten des Zweifels liest sie sie – und erinnert sich, was alles möglich war.

Das Schlusswort

Es ist nicht die Aufgabe zweier Erwachsener, sich gegenseitig glücklich zu machen. Die Aufgabe ist: Ich sorge dafür, dass ich glücklich bin, du sorgst dafür, dass du glücklich bist – und in der Mitte finden wir gemeinsame Zeit, Kompromisse, Unterstützung. Wir empowern uns, heben uns gegenseitig, feiern uns. Aber Glück kann ich nicht vom anderen erwarten. Bedingungslose Liebe in einer erwachsenen Beziehung dagegen schon.

Oder, wie Manja zum Schluss sagt: Liebt euch bedingungslos selbst.

Ihre Manja Neundorf

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