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Weitere InformationenIn den letzten Folgen fiel ein Satz immer wieder: „Das kommt aus deiner Kindheit.“ Bindungsmuster, Streitverhalten, das innere Kind – irgendwann landen wir fast immer bei den Eltern. Deshalb widmen Manja und Sally dieser Beziehung eine eigene Folge. Der längsten Beziehung unseres Lebens. Und manchmal der schwierigsten.
Kein Elternteil versteckt die Liebe im Keller
Manja beginnt mit einem Bild, das viele ihrer Klient:innen unerwartet trifft – gerade die, die eigentlich richtig sauer auf ihre Eltern sein wollten.
Kein Elternteil versteckt einen Sack Liebe im Keller und holt ihn nicht raus. Du hast als Kind alles bekommen, was deine Eltern hatten: alle Liebe, alle Zuwendung, alle Ressourcen. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.
Manchmal fühlt sich das nach sehr wenig an. Manchmal nach zu viel. Und wenn wenig da war, gibt es dafür meist eine Menge Gründe – aber fast nie den, dass Eltern bewusst zurückgehalten hätten. Es ist selten eine Frage des Wollens. Fast immer eine Frage des Könnens.
Wichtig dabei: Das nimmt den Schmerz nicht weg. Beide Wahrheiten stehen nebeneinander und beide stimmen. Du hast alles bekommen, was da war. Und es war vielleicht trotzdem nicht das, was du gebraucht hättest.
Die Hauptaufgabe von Eltern
Kinder werden von vielem geprägt: Schule, Kita, Erzieher:innen, Trainer:innen, Systeme, die früh vermitteln, dass man funktionieren und Leistung bringen muss. Gegen all das können Eltern wenig ausrichten.
Was sie können – und was aus Manjas Sicht ihre eigentliche Hauptaufgabe ist: bedingungslos lieben. Über Verhalten darf und muss man sprechen. Aber die Grundbotschaft sollte sein: Ich liebe dich so, wie du bist.
Das klingt einfach und ist es überhaupt nicht. Vor allem dann nicht, wenn man selbst nie erfahren hat, wie sich bedingungslose Liebe anfühlt.
Drei Schritte für die Elternbeziehung im Erwachsenenalter
Manjas Antwort auf die Frage, wie man mit der Erkenntnis umgeht, dass vieles in der Kindheit begonnen hat, besteht aus drei Schritten.
Erstens: Danke für mein Leben. Egal wie schwer die Kindheit war – wir kommen von unseren Eltern. Wer sie komplett ablehnt, lehnt am Ende einen Teil von sich selbst ab. Diese Ablehnung ist keine Strafe für die Eltern, sondern ein Schmerz, den wir uns selbst zufügen.
Zweitens: Lass das Schicksal deiner Eltern los. Du bist nicht dafür verantwortlich, dass es deinen Eltern gut geht. Du kannst ihre Konflikte nicht lösen, ihre Gesundheit nicht retten, ihre Haltung nicht ändern, sie nicht glücklich machen. Kinder versuchen das als Überlebensstrategie – Erwachsene dürfen es loslassen.
Drittens: Übernimm volle Verantwortung für dich. Zu verstehen, woher ein Muster kommt, ist der Anfang der Heilung. Der letzte Schritt ist der Satz: Ich verstehe, woher es kommt – und ich bin jetzt zu hundert Prozent dafür verantwortlich, es zu verändern.
Der Brunnen: Warum Liebe nur nach unten fließt
Ein Bild, das Manja gern in der Arbeit nutzt: Stell dir einen dreistöckigen Brunnen vor. Das Wasser fließt von oben nach unten, von Schale zu Schale. Genau so fließt Liebe von Eltern zu Kindern.
Was nicht funktioniert: unten stehen und versuchen, das Wasser wieder nach oben zu schütten. Das ist gegen die Naturgesetze.
Daraus folgt ein Satz, den Manja allen Eltern mitgibt: Euer Kind schuldet euch nichts. Kein Kind hat sich ausgesucht, geboren zu werden – das war eure Entscheidung. Eltern geben, Kinder nehmen. Nicht andersherum.
Das heißt nicht, dass Kinder nichts für ihre Eltern tun können, etwa in Pflegesituationen. Aber die Voraussetzung wäre, dass Eltern darum bitten. Problematisch wird es, wenn erwachsene Kinder ungefragt und dauerhaft versuchen, ihre Eltern glücklich zu machen.
Wenn wir unbewusst das Schicksal unserer Eltern wiederholen
Wird dieses Muster nicht bewusst, passiert im ungünstigsten Fall etwas, das Manja regelmäßig beobachtet: Wir wiederholen das Schicksal unserer Eltern – manchmal mit einem kleinen Twist.
Eine Klientin erzählt, ihre Mutter sei in ihrer Ehe nie glücklich gewesen. Auf die Frage nach der eigenen ersten Ehe: total unglücklich, geschieden. Die Trennung, die die Mutter vielleicht gebraucht hätte, aber aus sozialen oder finanziellen Abhängigkeiten nicht vollziehen konnte, übernimmt unbewusst die nächste Generation. Aus Liebe.
Die Alternative: die Eltern bewusst lieben statt unbewusst. Und das heißt: danke für mein Leben – und ich mache jetzt alles daraus, was ich kann.
Kinder brauchen keine perfekten Erziehungsstile
Ein Satz, der besonders für Eltern relevant ist: Kinder brauchen keine perfekten Erziehungsstile. Kinder brauchen glückliche Eltern.
Eltern, die mit sich selbst im Reinen sind, die Zugang zu ihren Gefühlen haben, die im besten Fall auch mit ihren eigenen Eltern im Reinen sind. Über bedürfnisorientierte Erziehung und die richtige Schulform kann man endlos diskutieren – das Wichtigste bleibt: Kümmert euch um euren eigenen Kram.
Manjas Lieblingssatz an Paare, die sich trennen und als Eltern weiter funktionieren wollen: Wenn Sie als Eltern Ihre Themen nicht geregelt bekommen, leiden Ihre Kinder unter der Trennung. Konflikte lösen, die Sachebene klären, sich Hilfe holen, wenn es allein nicht geht.
Denn wenn Eltern unglücklich sind, wird das Kind die gesamte Prägung über versuchen, sie glücklich zu machen. Das ist keine Erziehungsfrage, das ist Überlebensstrategie.
„Das war nicht okay“ – warum Validierung so wichtig ist
Ein Teil der therapeutischen Arbeit besteht darin, Erlebtes klar zu benennen. Nicht zu verharmlosen, sondern einzuordnen: Das war emotionale Gewalt. Das war ein Trauma. Das war nicht in Ordnung.
Sally beschreibt, wie befreiend dieser Moment für sie war – und zwar ausdrücklich nicht als Einstieg in eine Opferrolle. Sondern als Validierung: Ich war in diesem Moment nicht falsch. Ich hätte damals nicht erwachsener, besser oder anders sein müssen. Da hätte ein Erwachsener sein müssen – und der war nicht erwachsen.
Genau dafür braucht es manchmal eine neutrale externe Stimme.
Wann ein Gespräch mit den Eltern Sinn ergibt
Viele Menschen tragen die Hoffnung mit sich, dass ihre Eltern irgendwann von selbst kommen – mit einer Entschuldigung, mit dem einen klärenden Gespräch. In diesem Vakuum steckt man schnell fest.
Manjas erster Rat: Zwischen der Erkenntnis in der Therapie und einem Gespräch mit den Eltern dürfen Jahre liegen. Mit einer offenen, frisch aufgerissenen Wunde hinzugehen, funktioniert selten. Eltern kleben dann reflexartig ein großes Pflaster drauf – „das war doch gar nicht so“. Über eine Narbe lässt sich viel besser sprechen als über eine klaffende Wunde.
Wenn ein Gespräch geführt werden soll, nennt Manja drei Voraussetzungen:
Sei dir klar darüber, was du eigentlich willst. Warum dieses Gespräch? Was soll dabei herauskommen? Und: Brauchst du das wirklich?
Schätze ein, was deine Eltern überhaupt leisten können. Wenn ein Elternteil generell Schwierigkeiten hat, konstruktiv über Konflikte zu sprechen – auch mit Freunden, auch in der Partnerschaft – dann lock es nicht in eine Falle, in der es nicht gewinnen kann.
Bring ein Mindestmaß an Interesse mit. Wie ging es deinen Eltern in der Zeit, um die es geht? Wie war ihre Lebensrealität, ihre finanzielle Situation, ihr Wissen über Erziehung, Trauma, Therapie? Wie alt waren sie damals eigentlich?
Manjas Erfahrung: Genau mit diesem Interesse verfliegt oft schon sehr viel Wut. Weil klar wird, unter welchen Bedingungen die eigenen Eltern gehandelt haben.
Warum Wut wichtig ist – und wo sie kippt
Wut auf die eigenen Eltern darf sein. Manja will sie ausdrücklich nicht wegmachen, sie hatte sie selbst über eine lange Zeit.
Sie unterscheidet allerdings zwei Formen. Die gute Wut gibt Klarheit: Ich will es anders machen. Ich will anders leben als ihr. Ich will weg von dem, wie ich geprägt bin. Diese Energie brauchen wir, um erwachsen zu werden – wir wollen ja nicht den Rest unseres Lebens im Schoß unserer Eltern liegen und darauf warten, dass sie es richten.
Die negative Wut bleibt im Vorwurf hängen: Warum habt ihr das nicht besser hinbekommen?
Und dann ist da der Zorn, an dem manche über Jahre festhalten. Dazu passt ein Zitat, das oft Buddha zugeschrieben wird: Am Zorn festzuhalten ist so sinnvoll wie Gift zu trinken und zu hoffen, dass der andere daran stirbt.
Zorn als Form von Liebe
Ein Gedanke aus dieser Folge, der hängen bleibt: Manchmal ist Zorn die einzige Form von Verbindung, die gerade möglich ist. Wenn die reale Beziehung zu anstrengend ist, weil immer dieselben Konflikte hochkommen, bleibt der Zorn – und auch er ist ein Festhalten an der Beziehung.
Man kann seine Eltern ohnehin nicht vollständig von sich abtrennen; genetisch sind wir sie. Je stärker wir versuchen, sie loszuwerden, desto ungünstiger werden oft die Gefühle, die dabei entstehen – bis auf die körperliche Ebene.
Für eine Phase ist Zorn völlig okay. Nur sollte man sich klarmachen: Dein Zorn ist gerade die Form von Liebe, die du gewählt hast. Sie ist nur anstrengender als Akzeptanz.
Small Talk, homöopathische Dosen und die Beobachterrolle
Sallys unwissenschaftliche Umfrage im Freundeskreis: Redest du wirklich mit deinen Eltern? Rund neunzig Prozent sagen – nein, eigentlich nur Small Talk.
Manjas Einordnung: Als Erwachsene brauchen wir unsere Eltern nicht mehr als Ratgeber. Andere Generation, andere Prägung, andere Lebensrealität. Trotzdem wäre da ja Raum für mehr als das Wetter und die beste Autobahnroute.
Wer sich mehr Tiefe wünscht, muss sie anbieten – und Geduld mitbringen. Und darf keine Erwartungshaltung daran knüpfen, dass Eltern sofort einsteigen, die vielleicht noch nie ein therapeutisches Gespräch geführt haben. Genau daran scheitern viele: Sie bieten etwas an und sind enttäuscht, dass die Reaktion nicht so ausfällt, wie sie es sich im Kopf ausgemalt haben. Das ist nicht fair.
Zwei praktische Werkzeuge für diese Phase:
Homöopathische Dosen. Wenn Besuche nicht guttun, ist es völlig in Ordnung, nur noch jedes zweite Mal zu fahren. Dass Eltern das nicht schön finden, ist ihr Prozess – nicht deine Verantwortung.
Die Beobachterrolle. Geh mit dem Satz rein: Ist das nicht interessant? Ist das nicht interessant, dass ich gerade wieder über das Wetter rede, obwohl ich das gar nicht will? Ist das nicht interessant, dass diese Frage etwas in mir auslöst? Nebenbei lässt sich bei Familientreffen wunderbar innere Kindarbeit betreiben – man merkt schnell, mit welchem Alter man es beim Gegenüber gerade zu tun hat.
Deine Eltern haben ein Recht darauf, unglücklich zu sein
Zum Schluss die vielleicht schwerste Frage der Folge: Wie findet man Frieden damit, wenn ein Elternteil sehenden Auges auf eine Krankheit zusteuert – Alkohol, kein Arztbesuch, weggedrückte Symptome?
Manjas Antwort ist entlastend und hart zugleich: Mein Papa hat ein Recht darauf, so unglücklich zu sein, wie er will. Und ich habe ein Recht darauf, so glücklich zu sein, wie ich will – auch wenn er unglücklich ist. Es hat nichts mit dir zu tun. Es ist sein Prozess. Und manchmal brauchen Menschen das Unglück oder sogar eine Krankheit, um wachsen zu können.
Dazu das Bild vom Stein in der Hand: Jeder Finger, den ich um ihn lege, ist ein Kontrollversuch – er muss zum Arzt, er muss aufhören zu trinken, er muss Konflikte anders lösen. Loslassen heißt nicht, die Hand umzudrehen und den Stein fallen zu lassen. Loslassen heißt: Der Stein darf in meiner Hand liegen. Ich kontrolliere nur nichts davon.
Loslassen heißt nicht, jemanden fallen zu lassen. Es heißt, aufzuhören, kontrollieren zu wollen.
Der Moment, an dem der Prozess abgeschlossen ist
Manjas Schlusswort: Irgendwann kommt der Moment, in dem wir verstehen, dass wir von unseren Eltern nichts mehr brauchen. Auch keine Entschuldigung. Schön, wenn sie kommt – aber brauchen tun wir sie nicht.
Wenn dieser Punkt erreicht ist, ist der Prozess wirklich abgeschlossen. Es ist okay, dass es sie gibt. Ich bin dankbar für mein Leben. Ich habe Kontakt in dem Maß, das mir guttut. Und ich bin nur noch dafür verantwortlich, selbst glücklich zu sein.
Sie haben mir alles gegeben, was sie hatten. Und ich kann alles daraus machen, was ich will.
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Weitere InformationenIn den letzten Folgen fiel ein Satz immer wieder: „Das kommt aus deiner Kindheit.“ Bindungsmuster, Streitverhalten, das innere Kind – irgendwann landen wir fast immer bei den Eltern. Deshalb widmen Manja und Sally dieser Beziehung eine eigene Folge. Der längsten Beziehung unseres Lebens. Und manchmal der schwierigsten.
Kein Elternteil versteckt die Liebe im Keller
Manja beginnt mit einem Bild, das viele ihrer Klient:innen unerwartet trifft – gerade die, die eigentlich richtig sauer auf ihre Eltern sein wollten.
Kein Elternteil versteckt einen Sack Liebe im Keller und holt ihn nicht raus. Du hast als Kind alles bekommen, was deine Eltern hatten: alle Liebe, alle Zuwendung, alle Ressourcen. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.
Manchmal fühlt sich das nach sehr wenig an. Manchmal nach zu viel. Und wenn wenig da war, gibt es dafür meist eine Menge Gründe – aber fast nie den, dass Eltern bewusst zurückgehalten hätten. Es ist selten eine Frage des Wollens. Fast immer eine Frage des Könnens.
Wichtig dabei: Das nimmt den Schmerz nicht weg. Beide Wahrheiten stehen nebeneinander und beide stimmen. Du hast alles bekommen, was da war. Und es war vielleicht trotzdem nicht das, was du gebraucht hättest.
Die Hauptaufgabe von Eltern
Kinder werden von vielem geprägt: Schule, Kita, Erzieher:innen, Trainer:innen, Systeme, die früh vermitteln, dass man funktionieren und Leistung bringen muss. Gegen all das können Eltern wenig ausrichten.
Was sie können – und was aus Manjas Sicht ihre eigentliche Hauptaufgabe ist: bedingungslos lieben. Über Verhalten darf und muss man sprechen. Aber die Grundbotschaft sollte sein: Ich liebe dich so, wie du bist.
Das klingt einfach und ist es überhaupt nicht. Vor allem dann nicht, wenn man selbst nie erfahren hat, wie sich bedingungslose Liebe anfühlt.
Drei Schritte für die Elternbeziehung im Erwachsenenalter
Manjas Antwort auf die Frage, wie man mit der Erkenntnis umgeht, dass vieles in der Kindheit begonnen hat, besteht aus drei Schritten.
Erstens: Danke für mein Leben. Egal wie schwer die Kindheit war – wir kommen von unseren Eltern. Wer sie komplett ablehnt, lehnt am Ende einen Teil von sich selbst ab. Diese Ablehnung ist keine Strafe für die Eltern, sondern ein Schmerz, den wir uns selbst zufügen.
Zweitens: Lass das Schicksal deiner Eltern los. Du bist nicht dafür verantwortlich, dass es deinen Eltern gut geht. Du kannst ihre Konflikte nicht lösen, ihre Gesundheit nicht retten, ihre Haltung nicht ändern, sie nicht glücklich machen. Kinder versuchen das als Überlebensstrategie – Erwachsene dürfen es loslassen.
Drittens: Übernimm volle Verantwortung für dich. Zu verstehen, woher ein Muster kommt, ist der Anfang der Heilung. Der letzte Schritt ist der Satz: Ich verstehe, woher es kommt – und ich bin jetzt zu hundert Prozent dafür verantwortlich, es zu verändern.
Der Brunnen: Warum Liebe nur nach unten fließt
Ein Bild, das Manja gern in der Arbeit nutzt: Stell dir einen dreistöckigen Brunnen vor. Das Wasser fließt von oben nach unten, von Schale zu Schale. Genau so fließt Liebe von Eltern zu Kindern.
Was nicht funktioniert: unten stehen und versuchen, das Wasser wieder nach oben zu schütten. Das ist gegen die Naturgesetze.
Daraus folgt ein Satz, den Manja allen Eltern mitgibt: Euer Kind schuldet euch nichts. Kein Kind hat sich ausgesucht, geboren zu werden – das war eure Entscheidung. Eltern geben, Kinder nehmen. Nicht andersherum.
Das heißt nicht, dass Kinder nichts für ihre Eltern tun können, etwa in Pflegesituationen. Aber die Voraussetzung wäre, dass Eltern darum bitten. Problematisch wird es, wenn erwachsene Kinder ungefragt und dauerhaft versuchen, ihre Eltern glücklich zu machen.
Wenn wir unbewusst das Schicksal unserer Eltern wiederholen
Wird dieses Muster nicht bewusst, passiert im ungünstigsten Fall etwas, das Manja regelmäßig beobachtet: Wir wiederholen das Schicksal unserer Eltern – manchmal mit einem kleinen Twist.
Eine Klientin erzählt, ihre Mutter sei in ihrer Ehe nie glücklich gewesen. Auf die Frage nach der eigenen ersten Ehe: total unglücklich, geschieden. Die Trennung, die die Mutter vielleicht gebraucht hätte, aber aus sozialen oder finanziellen Abhängigkeiten nicht vollziehen konnte, übernimmt unbewusst die nächste Generation. Aus Liebe.
Die Alternative: die Eltern bewusst lieben statt unbewusst. Und das heißt: danke für mein Leben – und ich mache jetzt alles daraus, was ich kann.
Kinder brauchen keine perfekten Erziehungsstile
Ein Satz, der besonders für Eltern relevant ist: Kinder brauchen keine perfekten Erziehungsstile. Kinder brauchen glückliche Eltern.
Eltern, die mit sich selbst im Reinen sind, die Zugang zu ihren Gefühlen haben, die im besten Fall auch mit ihren eigenen Eltern im Reinen sind. Über bedürfnisorientierte Erziehung und die richtige Schulform kann man endlos diskutieren – das Wichtigste bleibt: Kümmert euch um euren eigenen Kram.
Manjas Lieblingssatz an Paare, die sich trennen und als Eltern weiter funktionieren wollen: Wenn Sie als Eltern Ihre Themen nicht geregelt bekommen, leiden Ihre Kinder unter der Trennung. Konflikte lösen, die Sachebene klären, sich Hilfe holen, wenn es allein nicht geht.
Denn wenn Eltern unglücklich sind, wird das Kind die gesamte Prägung über versuchen, sie glücklich zu machen. Das ist keine Erziehungsfrage, das ist Überlebensstrategie.
„Das war nicht okay“ – warum Validierung so wichtig ist
Ein Teil der therapeutischen Arbeit besteht darin, Erlebtes klar zu benennen. Nicht zu verharmlosen, sondern einzuordnen: Das war emotionale Gewalt. Das war ein Trauma. Das war nicht in Ordnung.
Sally beschreibt, wie befreiend dieser Moment für sie war – und zwar ausdrücklich nicht als Einstieg in eine Opferrolle. Sondern als Validierung: Ich war in diesem Moment nicht falsch. Ich hätte damals nicht erwachsener, besser oder anders sein müssen. Da hätte ein Erwachsener sein müssen – und der war nicht erwachsen.
Genau dafür braucht es manchmal eine neutrale externe Stimme.
Wann ein Gespräch mit den Eltern Sinn ergibt
Viele Menschen tragen die Hoffnung mit sich, dass ihre Eltern irgendwann von selbst kommen – mit einer Entschuldigung, mit dem einen klärenden Gespräch. In diesem Vakuum steckt man schnell fest.
Manjas erster Rat: Zwischen der Erkenntnis in der Therapie und einem Gespräch mit den Eltern dürfen Jahre liegen. Mit einer offenen, frisch aufgerissenen Wunde hinzugehen, funktioniert selten. Eltern kleben dann reflexartig ein großes Pflaster drauf – „das war doch gar nicht so“. Über eine Narbe lässt sich viel besser sprechen als über eine klaffende Wunde.
Wenn ein Gespräch geführt werden soll, nennt Manja drei Voraussetzungen:
Sei dir klar darüber, was du eigentlich willst. Warum dieses Gespräch? Was soll dabei herauskommen? Und: Brauchst du das wirklich?
Schätze ein, was deine Eltern überhaupt leisten können. Wenn ein Elternteil generell Schwierigkeiten hat, konstruktiv über Konflikte zu sprechen – auch mit Freunden, auch in der Partnerschaft – dann lock es nicht in eine Falle, in der es nicht gewinnen kann.
Bring ein Mindestmaß an Interesse mit. Wie ging es deinen Eltern in der Zeit, um die es geht? Wie war ihre Lebensrealität, ihre finanzielle Situation, ihr Wissen über Erziehung, Trauma, Therapie? Wie alt waren sie damals eigentlich?
Manjas Erfahrung: Genau mit diesem Interesse verfliegt oft schon sehr viel Wut. Weil klar wird, unter welchen Bedingungen die eigenen Eltern gehandelt haben.
Warum Wut wichtig ist – und wo sie kippt
Wut auf die eigenen Eltern darf sein. Manja will sie ausdrücklich nicht wegmachen, sie hatte sie selbst über eine lange Zeit.
Sie unterscheidet allerdings zwei Formen. Die gute Wut gibt Klarheit: Ich will es anders machen. Ich will anders leben als ihr. Ich will weg von dem, wie ich geprägt bin. Diese Energie brauchen wir, um erwachsen zu werden – wir wollen ja nicht den Rest unseres Lebens im Schoß unserer Eltern liegen und darauf warten, dass sie es richten.
Die negative Wut bleibt im Vorwurf hängen: Warum habt ihr das nicht besser hinbekommen?
Und dann ist da der Zorn, an dem manche über Jahre festhalten. Dazu passt ein Zitat, das oft Buddha zugeschrieben wird: Am Zorn festzuhalten ist so sinnvoll wie Gift zu trinken und zu hoffen, dass der andere daran stirbt.
Zorn als Form von Liebe
Ein Gedanke aus dieser Folge, der hängen bleibt: Manchmal ist Zorn die einzige Form von Verbindung, die gerade möglich ist. Wenn die reale Beziehung zu anstrengend ist, weil immer dieselben Konflikte hochkommen, bleibt der Zorn – und auch er ist ein Festhalten an der Beziehung.
Man kann seine Eltern ohnehin nicht vollständig von sich abtrennen; genetisch sind wir sie. Je stärker wir versuchen, sie loszuwerden, desto ungünstiger werden oft die Gefühle, die dabei entstehen – bis auf die körperliche Ebene.
Für eine Phase ist Zorn völlig okay. Nur sollte man sich klarmachen: Dein Zorn ist gerade die Form von Liebe, die du gewählt hast. Sie ist nur anstrengender als Akzeptanz.
Small Talk, homöopathische Dosen und die Beobachterrolle
Sallys unwissenschaftliche Umfrage im Freundeskreis: Redest du wirklich mit deinen Eltern? Rund neunzig Prozent sagen – nein, eigentlich nur Small Talk.
Manjas Einordnung: Als Erwachsene brauchen wir unsere Eltern nicht mehr als Ratgeber. Andere Generation, andere Prägung, andere Lebensrealität. Trotzdem wäre da ja Raum für mehr als das Wetter und die beste Autobahnroute.
Wer sich mehr Tiefe wünscht, muss sie anbieten – und Geduld mitbringen. Und darf keine Erwartungshaltung daran knüpfen, dass Eltern sofort einsteigen, die vielleicht noch nie ein therapeutisches Gespräch geführt haben. Genau daran scheitern viele: Sie bieten etwas an und sind enttäuscht, dass die Reaktion nicht so ausfällt, wie sie es sich im Kopf ausgemalt haben. Das ist nicht fair.
Zwei praktische Werkzeuge für diese Phase:
Homöopathische Dosen. Wenn Besuche nicht guttun, ist es völlig in Ordnung, nur noch jedes zweite Mal zu fahren. Dass Eltern das nicht schön finden, ist ihr Prozess – nicht deine Verantwortung.
Die Beobachterrolle. Geh mit dem Satz rein: Ist das nicht interessant? Ist das nicht interessant, dass ich gerade wieder über das Wetter rede, obwohl ich das gar nicht will? Ist das nicht interessant, dass diese Frage etwas in mir auslöst? Nebenbei lässt sich bei Familientreffen wunderbar innere Kindarbeit betreiben – man merkt schnell, mit welchem Alter man es beim Gegenüber gerade zu tun hat.
Deine Eltern haben ein Recht darauf, unglücklich zu sein
Zum Schluss die vielleicht schwerste Frage der Folge: Wie findet man Frieden damit, wenn ein Elternteil sehenden Auges auf eine Krankheit zusteuert – Alkohol, kein Arztbesuch, weggedrückte Symptome?
Manjas Antwort ist entlastend und hart zugleich: Mein Papa hat ein Recht darauf, so unglücklich zu sein, wie er will. Und ich habe ein Recht darauf, so glücklich zu sein, wie ich will – auch wenn er unglücklich ist. Es hat nichts mit dir zu tun. Es ist sein Prozess. Und manchmal brauchen Menschen das Unglück oder sogar eine Krankheit, um wachsen zu können.
Dazu das Bild vom Stein in der Hand: Jeder Finger, den ich um ihn lege, ist ein Kontrollversuch – er muss zum Arzt, er muss aufhören zu trinken, er muss Konflikte anders lösen. Loslassen heißt nicht, die Hand umzudrehen und den Stein fallen zu lassen. Loslassen heißt: Der Stein darf in meiner Hand liegen. Ich kontrolliere nur nichts davon.
Loslassen heißt nicht, jemanden fallen zu lassen. Es heißt, aufzuhören, kontrollieren zu wollen.
Der Moment, an dem der Prozess abgeschlossen ist
Manjas Schlusswort: Irgendwann kommt der Moment, in dem wir verstehen, dass wir von unseren Eltern nichts mehr brauchen. Auch keine Entschuldigung. Schön, wenn sie kommt – aber brauchen tun wir sie nicht.
Wenn dieser Punkt erreicht ist, ist der Prozess wirklich abgeschlossen. Es ist okay, dass es sie gibt. Ich bin dankbar für mein Leben. Ich habe Kontakt in dem Maß, das mir guttut. Und ich bin nur noch dafür verantwortlich, selbst glücklich zu sein.
Sie haben mir alles gegeben, was sie hatten. Und ich kann alles daraus machen, was ich will.
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